Wie Rassismus auch tötet – Suizid in Eisenhüttenstadt

Am Montag demonstrierten ca. 250 Teilnehmer*innen in Eisenhüttenstadt in Gedenken an Djamaa, einem jungen Flüchtling aus dem Tchad (das ist ein Staat in Zentralafrika), der sich am 28. Mai  in Eisenhüttenstadt das Leben nahm.

Wieso? Was sind die Hintergründe? Was ist geschehen, dass ein junger Mensch, der in Deutschland um Asyl bittet, um der Bedrohung und Gewalt in seiner Heimat zu entkommen, soweit gebracht wird, sich das Leben zu nehmen?

Menschen fliehen nach Deutschland in der Hoffnung auf ein sichereres Leben, wenn sie in ihrer Heimat bedroht und verfolgt werden. Dass, was sie allerdings häufig vorfinden, sind soziale Isolation und überfüllte Asylunterkünfte, in denen es keine ausreichende medizinische Versorgung für traumatisierte Flüchtlinge gibt. Eines von vielen in Deutschland liegt in Eisenhüttenstadt, wo sich der Selbstmord ereignete.

Erst Ende März sei Djamaa Isu in das Flüchtlingsheim in Brandenburg gekommen, berichtet der Flüchtlingsrat Brandenburg. Ihm drohte die Abschiebung nach Italien. Aus Angst vor den dort noch schlimmeren Zustände für Asylsuchende, wählte er den Freitod. Dies ist leider kein Einzelfall, denn die Lebensumstände in deutschen Flüchtlingsunterkünften sind das Gegenteil von einem schönen Leben in Sicherheit und Frieden.

Nicht genug, dass die Amadeu Antonio Stiftung 183 Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt seit der Wiedervereinigung in Deutschland zählt, es sterben täglich auch Geflüchtete, die versuchen Europa zu erreichen an den europäischen Außengrenzen oder erkranken an menschenunwürdigen Bedingungen in Flüchtlingsheimen in Deutschland.

Asyl? Dublin II-Verordnung? Drittstaatenregelung? Eisenhüttenstadt?

Durch die sogenannte “Dublin II-Verordnung” wurde die Abschaffung des Grundrechts auf politisches Asyl vor fast genau 20 Jahren auf EU-Ebene beschlossen und die “Drittstaatenregelung” festgelegt.

In Eisenhüttenstadt befindet sich die “Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber” in Brandenburg. Dort nahm sich Djamaa das Leben. Jede*r Geflüchtete*r, der*die in Brandenburg einen Asylantrag stellt, wird nach Eisenhüttenstadt gebracht. Dort verbleiben die Menschen bis das Asylverfahren beendet ist, um dann oft entweder in ein anderes Heim umverteilt oder aber abgeschoben zu werden. Das dazugehörige Abschiebegefängnis dort dient dazu, die Menschen direkt dorthin wieder abzuschieben, wo sie aus Angst vor Verfolgung flohen.

Eisenhüttenstadt ist schon öfter in den Augenmerk der Öffentlichkeit geraten: So berichtete Alice Kamau 2003 bereits in mehreren Briefen von ihrer Demütigung und Fesselung im Gefängnis vor Ort. Erst vor wenigen Tagen wurde ein weiterer Fall aus Eisenhüttenstadt bekannt, in dem es zu einer erzwungenen Abtreibung kam, um die betreffende Frau und ihre Familie nach Serbien abschieben zu können. Die Frau sei in der Flüchtlingsunterkunft in Eisenhüttenstadt unter Druck gesetzt worden, einen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen.

Doch nicht nur in Eisenhüttenstadt bedeutet das Leben als Flüchtling nichts Gutes: 1999 erstickte Aamir Ageeb an den Folgen seiner Abschiebung im Flugzeug und erst im Januar letzten Jahres fand man den 29-jährige Mohammad R. aus dem Iran tot in der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber*innen. Offensichtlich sah auch er keinen Ausweg mehr und beging Selbstmord. Die ständige Kontrolle und Unsicherheit machte ihm zu schaffen, berichteten seine Zimmermitbewohner.

Es werden offiziell 20 Selbstmorde in deutschen Abschiebegefängnissen oder Asylbewerber*innen-Auffangstellen seit 1950 gezählt, doch die Dunkelziffer derjenigen, die an den psychischen (spät-) Folgen der Zustände vor Ort erkranken und sterben liegt wohl weitaus höher.

Was passiert denn hinter verschlossenen Türen?

Es ist schwer sich solch ein Leben vorzustellen, denn die wenigsten werden diese Heime von innen gesehen haben. Wenn Menschen aus ihrer Heimat fliehen, ist es keine freiwillige Entscheidung. Die gewohnte Umgebung, die Freunde und die Familie zu hinterlassen, in ein Land zu gehen dessen Sprache man nicht spricht, bedeutet für die meisten eine ungewisse Zukunft. Gefoltert, gedemütigt, traumatisiert und politisch verfolgt treten diese Menschen die lange, beschwerliche Reise nach Europa an mit der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Neben einem Arbeitsverbot und der eingeschränkten Bewegungsfreiheit, stehen die Menschen im Heim unter permanenter Überwachung und sozialer Isolation. Vielen Geflüchteten wird die Bewegungsfreiheit massiv eingeschränkt, da für viele die sogenannte “Residenzpflicht” gilt. Das heißt, dass für diese Menschen eine staatliche Auflage gilt, einen bestimmten Landkreis nicht verlassen zu dürfen. Das Essen ist schlecht, die Sanitäranlagen schmutzig und die Räumlichkeiten überfüllt. Rassistische Behandlung und Kriminalisierung gehört vielerorts auch zum Alltag. Auf engstem Raum leben die Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen und mit der ständigen Angst abgeschoben zu werden.

Bilder und Berichte aus dem Erstaufnahme für Asylsuchende in Eisenhüttenstadt gibts beim Flüchtlingsrat Brandenburg.

Djamaa Isus Selbstmord ist kein Einzelfall, aber ein aktueller Anlass um noch einmal auf das Thema aufmerksam zu machen. Weitere Informationen zu Todesopfern rechtsextremer und rassistischer Gewalt findet ihr zum Beispiel beim Opferfonds CURA der Amadeu Antonio Stiftung.

Wer sich noch weiter mit dem Thema beschäftigen möchte, findet zum Beispiel in dieser Dokumentation der ARD einen weiteren Fall: “Tod nach Abschiebung”.

ACHTUNG TRIGGERWARNUNG: Wir haben diese Dokumentation gesehen und möchten euch darauf aufmerksam machen, dass diese Sendung sehr emotional ist und nicht ganz einfach zu verarbeiten. Wenn ihr euch die Sendung ansehen möchtet, tut dies am besten gemeinsam, um euch mit den aufkommenden Emotionen gemeinsam auseinandersetzen zu können. Und schreibt uns auch gern eine Mail!

Ein Text von Martha Grau

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