“Die Opfer nicht vergessen”: Demonstration zum NSU-Prozess

Samstag, der 13.April in München. Als wir gegen 13Uhr am Stachus, dem Demonstrations -Auftaktsort ankommen, ist schon reges Getummel am Platz:

Heute ist die bundesweite Demonstration zum Auftakt des NSU- Prozesses gegen Beate Zschäpe und weitere vier mutmaßliche Unterstützer des Untergrund-Trios. Als die Demonstration stattfindet, wissen wir noch nichts vom verschobenen Prozessbeginn.

Über 200 Gruppen aus Zivilgesellschaft, Gewerkschaften, Parteien, türkische Vereine, Flüchtlingsräten und Antifaschistischen Initiativen haben zur Demonstration gegen staatlichen und alltäglichen Rassismus aufgerufen. Zu oft rücken die Täter*innen in den Vordergrund, das soll heute anders sein: man will sich solidarisch mit den Angehörigen der Ermordeten durch den “Nationalsozialistischen Untergrund” zeigen, man will den Opfern rechter und rassistischer Gewalt die angemessene Aufmerksamkeit schenken und ihnen gedenken.

Massives Polizeiaufgebot schikaniert Demonstrationsteilnehmer*innen

Wir mischen uns also unter die Touristen am Zebrastreifen, doch bevor die Ampel grün wird, werden sowohl wir als auch eine Gruppe junger Student*innen, die scheinbar nur zufällig vor Ort sind, von der Polizei angehalten. Wir werden gebeten, unsere Rucksäcke zu öffnen und deren Inhalt zu zeigen. Über 3000 Beamte wurden aus dem gesamten Bundesgebiet zur Unterstützung der Bayrischen Polizei an diesem Samstag nach München bestellt, doch dieses massive Polizeiaufgebot wirkt beim Anblick der bunt durchmischten Teilnehmer*innen der Demo etwas befremdlich. Eine Information, die uns erst nach der Demonstration erreicht und und bei uns im Nachhinein große Unverständnis auslöste: Noch bevor die Demonstration loslaufen konnte, soll ein Asylbewerber festgenommen worden sein, der nicht die Residenzpflicht eingehalten hat. Im Rahmen einer Demonstration, in der den Opfern und Betroffenen von Rassismus Solidarität ausgesprochen werden soll, ein unpassendes Verhalten.

Am Stachus stehen inzwischen schon mehrere Tausend Leute mit Schildern, Fahnen und bunten Transparenten. Angehörige der NSU Opfer, Bürger*innen, Antifaschist*innen, Politiker*innen, und Gewerkschaftler*innen sind mit mehr als 25 Bussen aus ganz Deutschland  angereist. Ein buntes Spektakel an einem Samstagmittag in der Münchner Innenstadt:  Drumherum die Bereitschaftspolizei und neugierige Blicke von Tourist*innen mit Einkaufstüten, die den Charakter der Veranstaltung zu verstehen versuchen.

Die Betroffenen und Angehörigen im Fokus

Es wird ruhig um den Lautsprecherwagen, als die Witwe des 2005 in München ermordeten Theodoros Boulgarides ans Mikrofon tritt. Aus Sicherheitsgründen spricht sie hinter einem Transparent. Sie erzählt von dem Mord an ihrem Mann und der rassistischen Schikane der Polizei im Laufe des Ermittlungsverfahrens. “Nicht nur, dass ich meinen Mann verloren habe, die Polizei und Ermittlungsbehörden haben uns jahrelang verdächtigt. Wir wurden zu Kriminellen gemacht” sagt sie. Auch der Sohn eines anderen Ermordeten kommt zu Wort, “Die Täter bekommen in dieser Gesellschaft sehr viel Aufmerksamkeit, zuviel Aufmerksamkeit. Ihr dürft aber auch die Opfer nicht vergessen. Sie sind es, die die Aufmerksamkeit verdienen” sagt er.  “Das Mitgefühl gehöre den Angehörigen” sagt der Imam der muslimischen Gemeinde in Penzberg, Benjamin Idriz. Zudem klingt ein aufgenommenes Grußwort der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano an,  sie fordert “kein Fußbreit den Faschisten nirgendwo”! Eine kämpferische Komponente, die auch die Wut auf die gravierenden Fehler der staatlichen Behörden, an diesem Samstag ausdrückt. Offen, entschlossen und respektvoll gedenken nun Tausende gemeinsam während einer Demoroute von 7 Kilometern in München aller Opfer rassistischer und rechter Gewalt.

Route thematisiert bedeutende Orte

Die Route der Demonstration führt an mehreren bedeutenden Orten vorbei. Redebeiträge thematisieren den Anschlag der neonazistischen Vereinigung “Gruppe Ludwig” in der Schillerstraße im Bahnhofsviertel von München. Am 7. Januar 1984 wurde dort ein Attentat verübt, wobei eine Person ermordet und 30 weitere schwer verletzt wurden. Diese tödliche, rechte Gewalttat ist heutzutage in Vergessenheit geraten. Auch an das Münchner Oktoberfestattentat, wird mit einer Zwischenkundgebung, die an dem Platz des Oktoberfestes vorbeiführte, erinnert. Der Täter, der der “Wehrsportgruppe Hoffmann” zugerechnet wird, nahm 13 weitere Menschen bei der Bombenexplosion mit in den Tod. Weit über 200 Menschen wurden bei dem Attentat, das sich am 26. September 1980 ereignete, verletzt. Eine weitere Kundgebung wird in der nähe des Justizzentrum abgehalten, wo Anfang Mai, mit 2 wöchiger Verspätung, der Prozess gegen Beate Zschäpe und vier weitere NSU- Unterstützer gemacht wird. Aber die Demonstration versucht auch an die deutsche Geschichte zu denken, die weiter in der Vergangenheit liegt. Als wir mit dem Demonstrationszug am Königsplatz vorbeikommen, fühlen wir uns von der Architektur des Platzes bedrängt. Dieser Ort wurde in der Zeit des Nationalsozialismus errichtet, als eine Art Grabanlage für Nazi- Größen. Darüberhinaus ist dieser Ort im Jahr 1933 Schauplatz für die Bücherverbrennungen, die am 10.Mai in München statt fanden. Der letzte Halt auf der Demonstrationsroute ist das bayerische Innenministerium, dessen Mitarbeiter*innen in Redebeiträgen hart für das Verhalten während der NSU- Mordserie kritisiert werden.

Zum Schluss sprechen die Organisator*innen des Münchner Bündnisses gegen Naziterror und Rassismus von fast 10.000 Demonstrationsteilnehmer*innen. Das Anliegen der Veranstalter*innen Betroffene  rechter und rassistischer Gewalt in den Fokus zu rücken, konnte an dem Tag erreicht werden. Hoffen wir, das diese Demonstration nicht die letzte war, die ein klares Zeichen gegen Rassismus und Neonazismus auf die Straße getragen hat.

 

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