Weihnachten in schwarz weiß rot

Leuchtende Tannenbäume, funkelnde Glaskugeln, glitzerndes Lametta, Schokolade, Zimt und Spekulatius – alles sichere Anzeichen dafür, dass Weihnachten vor der Tür steht! Und so liest man in den sozialen Netzwerken und auf Blogs ständig Botschaften, die uns eine besinnliche Zeit oder ein frohes Weihnachtsfest wünschen. Auch Frank Franz, Pressesprecher der NPD, wünscht dies seinen Leser*innen, aber er wünscht auch “eine gute Wintersonnenwende”.

Auf dem neonazistischen „Infoportal Schwaben“ wird am 17. Dezember von einem “Besinnlichen Julfest in Schwaben” berichtet. Mitglieder (ob auch Frauen dabei waren, wissen wir nicht) “freier Kameradschaften” aus Oberbayern, Franken und Schwaben trafen sich im Wald, um die “Wintersonnenwende” zu feiern. In dem Online-Artikel ist die Rede von “germanischen Menschen”, die das Julfest “heute wie einst” feiern.
Auf der Homepage des Ring Nationaler Frauen (Frauenorganisation der NPD) in Sachsen schreibt “Landesmutti Katrin” in ihrem Artikel vom 12.12.12 zum Julfest: “Das Julfest ist das germanische Fest der Wintersonnenwende(…)”. Am Ende einer langen Beschreibung über die Traditionen des Festes fragt sie dann: “Neugierig geworden und jetzt Lust auf ein ganz anders begangenes Weihnachtsfest bekommen? Einfach mal ausprobieren und so inneren Frieden und neue Kraft für das kommende Jahr finden.”

Doch was ist damit gemeint, wenn von einem “ganz anders begangenem Weihnachtsfest” die Rede ist? Wenn auf rechtsextremen Portalen nicht von Weihnachten, sondern vom Julfest gesprochen wird, das “heute wie einst” gefeiert wird?

Weihnachten im Nationalsozialismus

Im Nationalsozialismus versuchte man, in Gegnerschaft zum Christentum angeblich germanische Sitten wiederaufleben zu lassen. Und so wurde das Julfest aufgegriffen, das  in der nordischen Mythologie das Fest der Wintersonnenwende darstellt. Auf diese Weise sollte ein “echtes deutsches” Weihnachten frei von christlicher Prägung entstehen.

Der Tannenbaum wurde zur “Jultanne” umbenannt, der Adventskranz durch einen “Sonnwendkranz” ersetzt und die Weihnachtsgeschichte wurde verändert. Zum Beispiel wurde die Märchenfigur “Frau Holle” mit in die Geschichte eingebaut und zur “Lebensmutter” gemacht. Für die Nazis waren Frauen in erster Linie Mütter, die “deutsche” Kinder gebären sollten. Zu diesem Zweck wurde Weihnachten in der NS-Zeit gleich zum “Fest der allgemeinen Mutterschaft” erhoben.
St. Nikolaus wurde auf den germanischen Gott “Wodan” zurückgeführt und die Weihnachtskrippe zu einem “Märchengarten” gemacht. Als Weihnachtsschmuck wurde anstelle von Engel und Christbaumkugeln für Sonnenräder und Runen geworben. In Frauenzeitschriften wie beispielsweise der “NS-Frauenwarte” fanden sich Anleitungen zur Herstellung von “echtem deutschen” Weihnachtsschmuck aus Äpfel, Nüssen und so genanntem “Sinngebäck”. Auch das Hakenkreuz war als “Schmuck” zugelassen.
Neben der “Jultanne” und einem “Julbogen” gab es auch den sogenannten “Julleuchter”. Dieser wurde zum Beispiel als Weihnachtspräsent an  Angehörigen der SS verschenkt. Zynischerweise wurden diese Kerzenleuchter zum Großteil von Gefangenen in den Konzentrationslagern Dachau und Neuengamme hergestellt .
Im Radio, in Schulen oder bei Großveranstaltungen wurde versucht, die nationalsozialistische Ideologie in Form von “neuen” Weihnachtsliedern zu verbreiten. Traditionelle Lieder wurden teilweise zensiert. In dem Lied “Leise rieselt der Schnee” wurde die Zeilen “..hört nur, wie lieblich es schallt, freue Dich, Christkind kommt bald” umgedichtet zu ”…Glauben an Deutschland erwacht, bricht durch die dunkle Nacht”.  Religiöse Feste wurden so politisch instrumentalisiert. Nationalsozialismus sollte so nicht nur politisch, sondern auch religiös aufgeladen werden.

Einmal umgedreht und zurecht gestutzt

Durch den Bezug auf die angebliche “urdeutsche” Tradition konnte das Christentum als fremder und unerwünschter Einfluss abgetan und altgermanische Mythen als die eigentliche Wahrheit hingestellt werden. Es gab sogar eine vom Staat geleitete “Forschungsgemeinschaft”, die nach historischen Belege für altgermanische Rituale und Bräuche suchen sollte. Man könnte vom Versuch einer “Entchristianisierung” sprechen.
Selbst wenn es tatsächlich ein “Julfest” in vorchristlicher Zeit gegeben hat, was wissenschaftlich höchst umstritten ist, wurde es von den Nazis für ihre Zwecke missbraucht und allein im nationalsozialistischen Sinne interpretiert.
Nicht nur Weihnachten, sondern auch andere Feiertage wurden von den Nazis passend zu ihrer Ideologie zurecht geschliffen. Ostern wurde auf die germanische Fruchtbarkeitsgöttin “Ostara” zurückgeführt, die es im “germanischen Brauchtum” vermutlich noch nicht einmal gab.

Neonazi-Weihnachten in der heutigen Zeit

Die meisten Rechtsextremist*innen werden Weihnachten vermutlich “ganz normal mitfeiern” , doch an den verschiedenen Foren- und Blogbeiträgen wird deutlich, dass die Umdeutungs-Versuche der Nationalsozialisten noch heute aufgegriffen und umgesetzt werden. Ähnlich wie zur NS-Zeit werden „Kultur und Brauchtum“ als wichtig für das angebliche „Volk“ dargestellt. Auch der Begriff der „Christianisierung“ wird verwendet, um die Geschichte so zu manipulieren, dass sie zu nationalsozialistischen Vorstellungen passt.
Doch wo “Jul” statt Weihnachten draufsteht, ist nicht zwingend eine nationalsozialistische Umdeutung des Festes enthalten. In Skandinavien wird auch das “Julfest” gefeiert, denn Weihnachten wird im dortigen Sprachgebrauch als „Jul“ bezeichnet und es gibt Traditionen, die sich auf “Julböcke” oder “Julklappen” beziehen. Auch im Neopaganismus, also Strömungen, die an ein germanisches oder keltisches Heidentum anknüpfen, wird das Julfest begangen, ohne, dass dort rechtsextreme Bezüge zu finden sind.

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