Die Meinung einer Frau ist der Minirock des Internets

Frauen, besonders wenn sie für feministische Themen und gegen Sexismus aufbegehren sind mit heftigen Angriffen, Cyberstalking und Gewaltandrohungen konfrontiert. Zuweilen reichen die virtuellen Attacken gegen Frauen bis ins analoge Leben. Eine rechtliche Handhabe gegen Gewalt im Netz wie Cybersexism und Cyberstalking gibt es bislang nicht.

sexismus

Das Internet und vor allem die sozialen Netzwerke scheinen ein Mienenfeld für Frauen. Besonders, wenn sie sich in Debatten einmischen, Kritik üben oder in vormals Männer dominierte Szenen wie die Gaming-Community vorstoßen. Wie weit der Hass im Netz gehen kann, zeigt die im August bekannt gewordene Hetzkampagne mit dem Schlagwort #gamergate gegen Kritikerinnen, die sexistische Darstellungen und Gewalt gegen Frauen in Videospielen anprangerten. Die virtuellen Gewalten, die bis hin zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen reichte waren so massiv, dass die Betroffenen und ihre Familien zeitweise unter Polizeischutz standen, ihren Wohnsitz wechseln mussten und öffentliche Auftritte absagten aus Angst vor Angriffen. Dennoch ist die Debatte die beispielsweise Anita Sarkeesian in der Gaming –Community mit Feminist Frequency angestoßen hat wichtig und trägt dazu bei, dass einige Männern in der Szene sich mit Sexismus auseinandersetzen.

 

Der Hass im Netz ist nicht gender neutral

Sexistische Hetze gegen Frauen on- und offline ist allerdings kein subkulturelles Szenephänomen, sondern begegnet uns ebenso in wissenschaftlichen Diskursen. Besonders Genderforscherinnen müssen oft Hass und Häme im Netz über sich ergehen lassen. Dass die zunehmende Verrohung und Feindseligkeit, die in der virtuellen Kommentarkultur zu beobachten ist vor allem Frauen trifft, belegen zahlreiche Studien.

Offenbar sehen es einige offen antifeministische männliche Internet-User nicht gern, dass sich Frauen zu Wort melden, kritisch Meinung beziehen und das Netz als Plattform nutzen, um Öffentlichkeit zu schaffen und oh Schreck vielleicht sogar einen Veränderung bestehender Verhältnisse bewirken könnten. Das Internet wird quasi als Schlachtfeld verstanden auf dem mit allen Mitteln – wenn es sein muss auch mit Gewalt – das Patriarchat und die Geschlechterrollen verteidigt werden müssen.

Besonders mit der Sichtbarwerdung von Frauen im Netz und ihrem Bekanntheitsgrad steigen auch die Zahlen der Angriffe auf sie. Sie werden im Netz gestalkt, beleidigt und bedroht. Viel einfacher als in analogen Leben können Profile von Personen erstellt werden. Besonders junge und engagierte Feministinnen geraten ins Visier solcher Angriffe, wie Anne Wizorek, die unter dem Hashtag Aufschrei auf Formen von Sexismus im Alltag aufmerksam macht.

Abwertende und sexistische Kommentare in Bezug auf das Aussehen oder die Intelligenz sind im antifeministischen Repertoire noch die niedrigschwelligeren Angriffe. Werden sexistische Beiträge gelöscht und Hass speiende User geblockt wird häufig gleich die Keule „Meinungsfreiheit im Netz“ rausgeholt und den Betroffenen, die sonst kaum eine Möglichkeiten haben sich vor sexistischen Angriffen zu schützen, um die Ohren gehauen. Besonders schwerer wiegen dagegen Beleidigungen und Diffamierungen, die nicht selten in gezielten Rufmordkampagnen gipfeln. Das größte Problem dabei: Das Internet vergisst nicht! Viele der Beleidigungen und Diffamierungen bleiben für immer im Netz gespeichert und der digitale Fußabdruck der Betroffen kann zum Erschwernis im realen Leben werden. Beispielsweise wenn potentielle Arbeitgeber oder Kunden sich über eine Person im Internet informieren wollen und auf die Verleumdungen stoßen. Um Frauen einzuschüchtern und mundtot zu machen sind auch Drohungen von körperlicher Gewalt bis hin zum Mord keine Seltenheit.

 

Doch was kann getan werden, um Frauen besser vor Hetze und Gewalt im Netz zu schützen?

Empfehlungen wie „Don´t feed the trolls!“ und „Don´t read the Comments!“ sind gut gemeinte Ratschläge, verharmlosen aber das Problem und sind wenig lösungsorientiert. Die Kommunikationskultur im Netz wird zunehmend rauer und aggressiver. Plattformen wie Twitter, Youtube und Facebook müssen stärker in die Verantwortung genommen und für den Hass der sich dort Bahn bricht sensibilisiert werden. Aber vor allem muss es mehr Bildungsangebote zu Medienkompetenz geben. Das Internet transformiert sich unentwegt. Die Bildungsangebote zum Umgang mit Medien und deren Nutzung bleiben aber dahinter zurück und vermitteln kaum einen verantwortungsbewussten Umgang.

Aber nicht nur in Bildungsbereich gibt es massiven Nachholbedarf. Die strafrechtliche Verfolgung von Cybersexim und Hassgewalt im Netz ist auf Grundlage der bestehenden Gesetze kaum möglich. Die Intention zu Beleidigung, Stalking und Bedrohungen sind selten nachweisbar und juristisch schwer greifbar. Hinzu kommt, dass weder Polizei noch Justiz dem Phänomen gewachsen zu sein scheinen. Deshalb sind auch hier Weiterbildungsangebote dringend erforderlich. Frauen, die sich wegen sexistischer Angriffe, Bedrohung, Stalking oder Belästigung an die Polizei wenden, bekommen nicht selten zu hören: „Dann geh doch nicht ins Internet!“ Ein Argument, dass immer wieder im Kontext von sexistischen Übergriffen gebraucht wird und die Verantwortung für das Problem an die Betroffenen abgibt. Frauen, so die Minirock-Logik, seinen aufgrund ihres „provokanten“ Auftretens oder ihrer bloßen Präsenz an gewissen Orten – hier dem Internet – selbst schuld, wenn sie Sexismus, Stalking und Bedrohung erführen. Selbst schuld sind dann Frauen offenbar auch, wenn sich Burn-out-Symptome bei ihnen durch den täglichen Schwall von Hass und sexistischen Angriffen einstellen.

 

 

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