Jedem Nazi seine Straße?

Über die vielen Straßen in Deutschland, die auch heute noch Namen von einflussreichen Nationalsozialist*innen tragen.

Text von Clara Freudenstein

Fast 70 Jahre nach Kriegsende gibt es immer noch viele Straßen und Plätze in Deutschland, die nach NS-Größen benannt wurden. Dazu gehören zahlreiche Straßen, die den Namen der Dichterin Agnes Miegel tragen.

Agnes Miegel – wer war das?

Die Schriftstellerin wurde 1879 in Königsberg, Ostpreußen geboren und starb 1964 in Bad Nenndorf.  In Zeiten des Nationalsozialismus genoss sie großes Ansehen. So schrieb der Nationalsozialist Hans Friedrich Blunck über sie: „Wie herrlich, wie wundervoll, dass eine deutsche Landschaft so durch den Mund einer Frau so zum Reich, zum Ganzen des Volks sprechen kann.”  

Agnes Miegel unterschrieb 1933, zusammen mit 87 weiteren deutschen Schriftstellern  das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler und wurde Mitglied der NS-Frauenschaft. 1939 nahm sie das Ehrenzeichen der Hitlerjugend entgegen , 1940 wurde sie Mitglied der NSDAP.

Zwar fiel 1949 ihr Entnazifizierungsurteil „unbelastet“ aus,  doch in Anbetracht ihres Handelns im Dritten Reich ist das sehr stark anzuzweifeln. Die auch heute noch bestehende Agnes-Miegel-Gesellschaft, die „die Bedeutung einer großen Dichterin in das Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen möchte“  und ein öffentliches Agnes-Miegel-Haus in Bad Nenndorf betreibt, stellt Miegel beschwichtigend als „unpolitisch“ dar. Die vielen Lobeslieder auf den Führer, so zum Beispiel:  „Laß in deine Hand, Führer, uns vor aller Welt bekennen; Du und wir, nie mehr zu trennen stehen ein für unser deutsches Land.“  beschreibt die Gesellschaft als  vor allem emotional, nicht politisch zu verstehen.“

Dass dies definitiv nicht der Wahrheit entspricht, zeigte Agnes Miegel schon 1933: “Ich wende mich täglich mehr dieser neuen Zeit zu. Sie ist für Deutschland, am allermeisten aber für uns im Ostland nicht nur  der neue Weg – sondern der einzige Weg.” Noch deutlicher wird dies in einem Brief von 1934 an Hans Friedrich Blunck, in dem sie schreibt „Denn ich bin Nationalsozialist. […] Wir werden ein nationalsozialistischer Staat sein – oder wir werden nicht sein! Und das wäre der Untergang nicht nur Deutschlands – es wäre der Untergang des weißen Mannes. – In dem Augenblick, als ich das ganz klar erkannte – [...] da war ich bereit, für diesen Glauben nicht nur zu leben – auch (und ich kann sagen, da war ich gewiß) dafür zu sterben.”  Die Formulierung des „weißen Mannes“ verdeutlicht klar ihre rassistische Überzeugung.  Während die Dichterin auf der Website der Agnes-Miegel-Gesellschaft als  Opfer dargestellt wird, das “dem Bann Adolf Hitlers und seiner Propaganda“  erlag, beweisen Briefe an Blunck das klare Gegenteil. Dort heißt es über ihren NSDAP Beitritt 1940, sie habe ein schlechtes Gewissen wegen  ihres “späten  Erwachen” und glaube, sich erst bewähren zu müssen. Sie wolle nicht als “Gelegenheitsjägerin” gelten.  Auch nach 1945 distanzierte sie sich nie vom Nationalsozialismus, sondern erklärte diesbezüglich bloß: „Dies habe ich mit meinem Gott alleine abzumachen und mit niemand sonst.“

Die Homepage der Agnes-Miegel-Gesellschaft erzeugt durch die verharmlosende Darstellung und das Verschweigen von Fakten wie zum Beispiel ihr Ehrenzeichen der Hitlerjugend ein deutlich gefärbtes und eindeutig falsches Bild von Agnes Miegel. Aufgrund der oben geschilderten Äußerungen Miegels lässt sich definitiv nicht sagen, dass die Schriftstellerin aus bloßer Naivität und nicht aus Überzeugung das NS-Regime unterstützte.

Es fanden bereits diverse Straßen-Umbenennungen statt, dennoch existieren weiterhin eine große Anzahl ihr gewidmeter Straßen und Wege.  So zum Beispiel in Münster, Wuppertal, Hildesheim, Aachen und München.  Darüber hinaus gibt es viele weitere Beispiele problematischer Straßennamen, die zu thematisieren wären. Um nur eine wenige zu nennen: Heinrich Lersch, Hans von Seeckt oder Dr. Friedrich Castelle.

Deshalb gilt es, Zeichen zu setzen! Wenn ihr auf Straßennamen stoßt, die euch seltsam vorkommen, macht dies zum Thema! Macht andere darauf aufmerksam. So fand dieses Jahr während der Agnes-Miegel-Tage am 22. und 23. März in Bad Nenndorf zum erneuten Mal eine Demonstration gegen den dort zelebrierten Agnes-Miegel-Kult statt. Erfolgreiche Bürgerinitiativen zeigen, dass es durchaus möglich ist, Änderungen von problematischen Straßenbezeichnungen vorzunehmen. Holt euch Unterstützung und startet Unterschriftenaktionen o. Ä., um die kritischen Straßenbezeichnungen weiter zu dezimieren!

http://www.agnes-miegel-gesellschaft.de/biographie/index.html

http://www.muenster.de/stadt/strassennamen/agnes-miegel-strasse.html

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2 Kommentare

  1. [...] Rudolf Stich war ein angesehener Mann in Göttingen. Der Chirurg brachte es 1955 sogar zur Ehrenbürgerschaft. Mit seinem Namen in Verbindung steht ein markantes Haus an der Weender Landstraße. In besagter “Villa Stich” mit der Stich-Gedenktafel hat seit 2010 das Institut für Demokratieforschung der Uni Göttingen seinen Sitz. Die Forscher arbeiten nun an einem Gutachten, das dem Dienstsitz und Rudolf-Stich-Weg in der Nordstadt den Namen rauben könnte. Sie untersuchen die Vergangenheit des als NS-Sympathisanten geltenden Stich. (HNA.de) Der Fall aus Göttingen ist nur ein Beispiel für zahlreiche Straßennamen in Deutschland, die auch heute noch Namen von einflussreichen Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten tragen. (no-nazi.net) [...]

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  2. Die Nazi-Straßennamen müssen aus den Stadtbildern verschwinden. Und zwar restlos.
    Sport frei!
    c4harry

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