„Refugees are welcome here!“ – Wie ich auf der Suche nach Neonazis meine erste Demonstration erlebte

Ungefähr hundert Menschen um mich herum. Oder zweihundert, ich bin so schlecht im Schätzen. Einige tragen große Trommeln vor dem Bauch wie man das von Karnevalsumzügen kennt. Als ich versuche, mich in Richtung Straßenrand abzusetzen, um einen besseren Überblick zu bekommen, muss ich mich an Transparenten vorbeischlängeln, auf denen Slogans wie „Gleiche Rechte für Alle“, und „Residenzpflicht abschaffen“ stehen.

Anfänger*innen-Fehler: Demonstrieren mit Chucks und ohne Schirm

Hier soll es losgehen. Vor dem Freiland-Gelände, Potsdams selbstverwaltetem Kulturzentrum, haben sich hundert (oder zweihundert) Demonstrant*innen versammelt, um gegen die momentane Flüchtlingspolitik und für Bleiberecht und freie Bewegung der Flüchtlinge zu protestieren. Ich bin hier, um einen Bericht darüber zu schreiben. Vielmehr, um einen Bericht über die Kundgebung der NPD, die am Rande des Protestmarsches der Flüchtlinge stattfinden soll, zu schreiben. Doch noch ist von der NPD nichts zu sehen. Bloß ein Plakat zeugt davon, dass die Demonstrant*innen von der Gegendemonstration wissen. „Nazis morden“ steht darauf, und ich hoffe, dass die Schreiber*innen die Doppeldeutigkeit dieser Aussage – nämlich als Aufforderung – einfach übersehen haben. Das wäre ja nun wirklich nicht die richtige Lösung.

Gegen elf Uhr setzt sich der Zug in Bewegung. Und natürlich beginnt es zu regnen. Am Morgen fand ich Chucks noch total passend für meine erste Demo – bequem, sportlich und meiner romantischen Vorstellung von Protest angemessen. Einen Regenschirm hab ich auch nicht dabei, na klar. Dank meiner verklärten Idee vom Demonstrieren bin ich eine halbe Stunde später schon ziemlich durchnässt.

Wir sind laut, wir fallen auf und wir werden immer mehr

Foto: ©Danny Frank

Zum Glück nähert sich bald darauf ein junger Mann und drückt mir ein kleines Päckchen in die Hand. Ein Regencape in kleidsamem Mülltüten-blau, das man sich über den Kopf zieht, so dass Arme und Gesicht frei bleiben. „Gegen den Regen“, sagt Hassan. Er kommt aus dem kurdischen Teil des Iraks und lebt seit neun Monaten in Deutschland. Zwischen Sprachchören, Paukenschlägen und Reggae-Musik, die aus einem Geländewagen am Ende des Zuges klingt, unterhalten wir uns. Die Deutschen seien super, sagt er, nur die Regierung, die Regeln und Regelungen, naja, da müsse noch einiges passieren. Trotzdem fühlt er sich in Deutschland wohl. Er hat keinen Sprachkurs belegt, sondern lernt Deutsch nebenbei, im Gespräch mit Deutschen. Wie ich ist er aus Berlin angereist, um den Flüchtlingsmarsch zu unterstützen. Er kennt einen der Organisator*innen, ebenfalls Kurde, der neben der Demo herläuft und in ein Megaphon ruft: „We are here and we will fight – freedom of movement is everybody‘s right!“

Ich kenne mich in Potsdam nicht aus und laufe einfach der Gruppe hinterher. Viele hier sind bloß für die Demo nach Potsdam gekommen. Rechts und links am Straßenrand stehen vereinzelt Passant*innen, die uns kritisch beäugen. Auf einem Balkon steht ein junger Mann und scheint so fasziniert von den Transparenten, dass er, unbeeindruckt von Regen und Kälte, in Badehose das bunte Treiben auf der Straße verfolgt. Zwischendurch stehen auch vereinzelt Polizist*innen am Bordsteinrand. Neben uns laufen mehrere Fotograf*innen und Kameraleute mit, machen zwischendurch Fotos oder filmen. Als wir an einem kleinen Ladengeschäft vorbeikommen, zieht eine Mutter ihr Kind aus dem Eingang und schließt die Tür. Ob wir so gefährlich aussehen? In der Tat, wir sind laut, wir fallen auf und wir werden immer mehr. Als ich drei Stunden zuvor vor dem Potsdamer Landtag stand und auf die Flüchtlingsgruppe wartete, die dort offiziell ihre Forderungen übergeben wollte, waren es erst zwanzig, jetzt sind es zweihundert (oder dreihundert?) Unterstützer*innen.

 

Und plötzlich frage ich mich: Wo(für) stehe ich eigentlich?

Foto: ©Danny Frank

Auf einem großen Platz bleiben wir stehen. Ich schaue mich ein bisschen um, frage ein wenig rum und erfahre, dass das große Gebäude das Rathaus ist. Hier bleiben wir eine Weile stehen. Antifa und Flüchtlingsgruppen schicken ihre Parolen in Richtung der Stadtverwaltung: „Bleiberecht für alle und auf Dauer – um Europa keine Mauer!“ Wieder und wieder, äußerst eingängig. So eingängig, dass ich schon jetzt weiß, dass sie mich die nächsten Tage als Ohrwurm verfolgen werden. Momentan und eher unspontan verfolgt mich jedoch ein Problem, dass ich leider nicht bedacht habe. Wo bekomme ich hier eine Toilette her? In der Annahme, dass wir vor dem Rathaus noch eine Weile verharren werden, mache ich mich auf die Suche. Mit mir strömen noch andere in umliegende Grünanlagen. In Anbetracht des bösen Blicks eines Polizisten, der gerade in sein Sandwich beißt, nehme ich lieber den weiteren Weg zur nächsten City-Toilette auf mich. Als ich zurückkomme, steht meine Protestgemeinde zum Glück noch da, wo ich sie verlassen habe und lauscht den Worten einer Mitarbeiterin der Stadtverwaltung. Im Namen der Stadt Potsdam drückt sie den Flüchtlingen ihr Mitgefühl und ihre Hochachtung aus. Für deren Mut, sich politisch zu engagieren. Mit einem „Herzlich willkommen in Deutschland“ beendet sie ihre Ansprache.

Ich schaue mich um und versuche herauszufinden, wie ihre Rede bei meinen Mitdemonstrant*innen angekommen ist. Einige scheinen sich über die Solidarität zu freuen, andere schauen eher skeptisch. „Das war ja klar“, höre ich einen sagen „dass da so etwas Oberflächliches kommt“. Und ich stelle fest: Auch wenn die Demonstrant*innen für das gleiche Ziel protestieren, tun sie das doch mit verschiedenen Motivationen und Vorannahmen. Viele der Flüchtlinge glauben an Deutschland und erhoffen sich gesetzliche Änderungen. Viele Teilnehmer*innen aus dem Antifa-Block sehen hingegen ein Versagen des Systems und fordern die Revolutionierung desselben. Und ich frage mich – wo stehe ich eigentlich? Habe ich mich im Vorfeld der Demo zu wenig mit dem Thema auseinandergesetzt? Ist es okay, einfach „mitzulaufen“, auch ohne ernsthaft mehr als ein „Abschiebung find‘ ich doof und Nazis auch“ beitragen zu können? Noch bevor ich diesen Gedanken zu Ende denken kann, geht es weiter. Zur Glienicker Brücke, wo die Abschlusskundgebung der Flüchtlinge, aber auch die Kundgebung der NPD stattfinden soll.

Von Polizist*innen und Faschist*innen

Je näher wir der NPD-Kundgebung kommen, desto mehr Polizist*innen stehen am Straßenrand. Auch die Masse der Demonstrant*innen scheint zugenommen zu haben. Jetzt sind es ganz sicher dreihundert. „Deutsche Polizisten schützen die Faschisten!“ ruft die Antifa. Für mich sehen die Polizist*innen nicht aus, als wollten sie irgendwen schützen. Sie stehen einfach nur da und schauen auf die Demonstrant*innen. Einer lächelt mich freundlich an.

Vor mir ziehen sich mehrere Typen die Kapuze über den Kopf, was mich ein wenig beunruhigt. Jemand zieht an meinem Rucksack, damit ich stehen bleibe. Die Gruppe verlangsamt sich. Man sieht noch immer nicht viel. Vor uns auf der linken Straßenseite, kurz vor der Glienicker Brücke, ist ein hellblaues Haus, das vollständig von Polizisten abgeschirmt ist. Dort stehen mehrere Streifenwagen, ein ganzer Bahnwaggon und etwa einhundert Polizist*innen, die den Durchgang und –blick auf das Haus versperren. Hinter dieser Mauer aus Menschen und Kraftfahrzeugen muss die NPD stehen. So genau kann man das aber nicht sagen, weil in dem kleinen Auflauf, der sich nun davor bildet, kein Platz für Neugierige ist. In der Luft liegt eine latente Anspannung. Auch und gerade, weil man die NPDler nicht sieht, liegt ein unterschwelliges Gefühl von Bedrohung zwischen uns und ihnen. Ihnen, von denen man nur die wehende Fahne sieht.

Unruhe kommt auf

Foto: ©Danny Frank

Als ich mich gerade zurückziehen will, stürmt von hinten ein junger Mann nach vorne und will mir seinen Rucksack in die Hand drücken. Er schlägt mit der geballten Faust in seine Handfläche, will durch die Polizist*innen preschen, wird aber wohl aufgehalten.

„Kundgebung“ bedeutet für mich, dass es mindestens eine*n Redner*in und ein Publikum gibt. Wie ich später auf Fotos sehen kann, gab es wohl auch einen Redner – durch den Lärm der Gegendemonstrant*innen waren seine Worte aber nicht sehr weit zu hören. Auch sein Publikum der rechtsextremen NPD fiel eher klein aus. Später lese ich von acht Personen.

Was ich von der Demo mitnehme? – Eine Sonnenblume, die “für Liebe” steht

Währenddessen haben einige Demonstrant*innen angefangen zu tanzen. Zwischen Trommelschlägen und Sprachchören bewegen sich zwei junge Männer zu den Klängen deutscher Reggae-Musik und afrikanischer Rhythmen. Wir sind an der Glienicker Brücke angekommen. In vollem Enthusiasmus läuft ein Teil der Demonstrant*innen noch über die Brücke nach Berlin. Dort, direkt hinter der Brücke findet bei erstarkendem Regen die Abschlusskundgebung statt. Ich versuche indes, noch einige Stimmen von Demonstrant*innen einzuholen. Mir ist aufgefallen, dass viele von ihnen eine Sonnenblume tragen und ich möchte herausfinden, wofür diese steht. Meine Versuche scheitern zumeist an sprachlichen Hürden. Einer der Demonstranten sagt kurz und knapp „für Liebe“ und drückt mir seine Sonnenblume in die Hand, um einen Mitdemonstrant beim Halten eines Transparentes abzulösen.

Für mich ist damit meine erste Demonstration beendet. Ich mache mich mit der Sonnenblume in der Hand auf den Rückweg über die Glienicker Brücke, an dem durchgestrichenen „Berlin“-Schild vorbei zurück nach Potsdam. Auf meinem Weg komme ich auch an dem Haus vorbei, vor dem noch vor einer halben Stunde die NPD stand. Jetzt steht dort nur noch ein einsamer Polizeiwagen. Auf dem Rasen liegt ein Schirm, den ein Demonstrant in Richtung der NPD geworfen hatte. Sonst nichts. Der Regen hat mittlerweile aufgehört und langsam machen sich die Demonstrant*innen auf den Heimweg. Nicht für alle führt der Heimweg auch nach Hause. Die Flüchtlinge des „Refugee Protest March“ haben eine lange Reise hinter sich, aus ihrer Heimat nach Deutschland, und nun hoffentlich auch bald von ihrem Marsch in ihre neue Heimat. Ihre neue Heimat in Deutschland.

Text von Alina Valjent

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1 Kommentar

  1. hjv sagt:

    Schöner Bericht, sehr persönlich – sehr “nah dran”.
    Danke.

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