600 Polizist*innen, 10 Tote, 80 Nebenkläger und 5 Angeklagte – Beobachtungen zum Prozessauftakt gegen den NSU

Screenshot aus der Tagesschau vom 06.05.2013

Es ist sehr ruhig im Gerichtsaal A101 in München als die Angeklagten im NSU- Prozess in den Saal geführt werden – nur das klicken der Kameraauslöser ist zu hören. Die internationale Presse schaut auf das Oberlandesgericht im München: hier hat heute mit dreiwöchiger Verspätung der Prozess gegen Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Unterstützer des NSU begonnen. Der Prozess gilt bereits jetzt als einer der größten und spektakulärsten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Etliche Livestreams und Ticker berichten vom Geschehen im Gericht – hier ein paar Eindrücke unsererseits!

Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen wurden die Angeklagten zum Gericht gebracht, 600 Polizisten seien heute im Einsatz, Scharfschützen und Panzerglas inklusive berichten Medien. Vor dem Gerichtsgebäude herrscht reges Getümmel: die Kundgebung von Antifaschist*innen, Zivilgesellschaft, Türkischen Vereinen und Gewerkschaften fordert, die Opfer nicht zu vergessen, während der Blick der Öffentlichkeit auf die Täter gerichtet wird. Aufgeregt wuseln Journalisten durch die Gegend, denn alle wollen dabei sein, wenn die Hauptangeklagte Beate Zschäpe auftaucht. Seit gestern Nacht warten Menschen am Eingang, um einen der wenigen öffentlichen Plätze im Saal zu ergattern. Die Kranzniederlegung zum Gedenken an die Opfer des NSU findet wenig Beachtung, die Rangelein der Protestierenden mit der Polizei jedoch schon. Ein absurdes Bild in München: Zwischen Kameras und Mikrofonen, Polizei und Parolen sind die Angeklagten inzwischen im Saal angekommen.

Beate Zschäpe steht mit dem Rücken zur Presse: Optisch herausgeputzt, schick angezogen, ruhig und gelassen wirkt die Frau, die sich für den Mord an zehn Menschen, versuchtem Mord in 28 Fällen, etlichen bewaffnete Banküberfällen, Brandstiftung und der Mitgliedschaft in einer terrorischtischen Vereinigung zu verantworten hat. Ihre Haltung strahlt ein Selbstbewusstsein aus, das provoziert. Zschäpes Anwälte haben für Heute ihr Schweigen angekündigt. Die Mitangeklagten Ralf Wohlleben, André E., Carsten S., und Holger G. halten sich verdeckt im Hintergrund, manche wollen sich jedoch äußern. Von Aussteigern ist die Rede, doch als einer von ihnen aus dem Gefangenentransporter auf dem Weg zum Gericht den Mittelfinger zeigt, ist das kaum zu glauben. So werden wie schon im sogenannten Bekennervideo des “National sozialistische Untergrund” Opfer und Anghörige verspottet und verhöhnt. Die Angeklagten wirken gleichgültig und desinteressiert.

Hinter geschlossener Tür beginnt nun mit Verspätung der Prozess, der sich vermutlich über mindestens 1,5 Jahre ziehen wird. Rund 600 Zeugen soll es geben, fast 500 Seiten lang ist die Anklageschrift und 27 Anklagepunkte werden einzeln verhandelt. Mehr Infos, Zahlen und Fakten gibt es bei Netz-gegen-Nazis.

Die Betroffenheit ist groß. Für die Angehörigen der Opfer ist es ein belastender Tag. Sie sind als Nebenkläger*innen anwesend und hoffen auf Aufklärung und Transparenz. Nach vielen Jahren der Ungewissheit sind so viele Fragen offen und für viele der Angehörigen sind die Antworten wichtiger als das Urteil. Doch nur wenn die Verhandlung beginnt, kann es auch irgendwann ein Urteil geben und erst dann können die Familien Abschied nehmen.

Den bewegenden Ereignissen kann man nicht aus dem Weg gehen: zahlreiche Sondersendungen, Liveticker, Dokumentationen und Liveschaltungen informieren euch den ganzen Tag im Netz über das Geschehen. Wir werden selbstverständlich auch weiterhin über den Prozess berichten, denn auch wir schauen gespannt nach München. Doch vor allem wünschen wir den Familienangehörigen und Freunden der Opfer viel Kraft und Energie für den Prozess.

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