Neonazi-Kampagnen in Sozialen Netzwerken (2):

Meinungsfreiheit

Neonazis versuchen sich gerne als „Kämpfer/innen für echte (Meinungs-) Freiheit“, als „die wahren Demokrat/innen“ und als „Träger/innen einer unterdrückten Meinung“ zu inszenieren – gerade in den Sozialen Netzwerken. Und was dann?

Von Joachim Wolf

Obwohl es in der Neonazi-Szene keine freie Meinung, sondern nur Ideologie und Vorschriften gibt, versuchen sich Neonazis gerne als „Kämpfer/innen für echte (Meinungs-) Freiheit“, als „die wahren Demokrat/innen“ und als „Träger/innen einer unterdrückten Meinung“ zu inszenieren. “Ist das Eure Demokratie, wenn meine Postings hier gelöscht werden?”, fragen sie in Foren, “das ist doch Zensur!” Manche bringen sie so auf ihre Seite. Sollten nicht alle etwas sagen dürfen, auch Nazis?

Die Freiheit, die die Nazis hier fordern, wird rein taktisch eingesetzt – und gilt natürlich nur für sie selbst. Wer schon einmal versucht hat, einen kritischen Kommentar in einem Nazi-Forum oder an der NPD-Pinnwand in einem sozialen Netzwerk zu hinterlassen, weiß, wie schnell der gelöscht wird. Um Meinungsfreiheit geht es den Nazis also schon einmal nicht.

Vielmehr ist der Ruf nach der vermeintlich verletzten Meinungsfreiheit eine Strategie. Nazis wollen sie der rechtsextremen Szene so ein positiveres Image verpassen. Und: Neonazis, in der Regel eher Täter*innen, stilisieren sich so als vermeintliche “Opfer”.

Deshalb bemühen Rechtsextreme auch gern Zitate, die eigentlich aus anderen Zusammenhängen stammen. Etwa das Wilhelm Busch zugeschriebene:„Eine starke Regierung erlaubt das Singen verbotener Lieder“. Wenn das Konzert einer Nazi-Band verboten oder ein rechtsextremes Musikvideo auf Youtube gelöscht wird, fühlen sich Nazis „verfolgt“.

Ein Nutzer auf Facebook verbindet den Wilhelm Busch-Spruch mit dem Bild eines Wehrmachtssoldaten im Stile der NS-Propaganda. Denn worum es Neonazis in Wirklichkeit geht, wenn sie von Meinungsfreiheit reden: Sie wollen Volksverhetzung betreiben (Neonazi-Konzerte und rechtsextreme Videos werden schließlich aufgrund ihrer menschenverachtenden Inhalte verboten bzw. gelöscht) und das NS-Regime verherrlichen und den Holocaust leugnen.

Bei Rechtspopulist*innen beliebt ist dagegen die Variante, sich als vermeintliche*r “Tabubrecher*in” in Szene zu setzen: “Man wird ja wohl noch sagen dürfen!“ bzw.  „ist man denn schon ein Rassist, wenn…“. Auch so kann man sich als „Kämpfer/in für die Meinungsfreiheit“ und als unterdrücktes Opfer darstellen. Dabei gibt es diese scheinbaren Tabus gar nicht – deshalb denken sich die Rechtsextremen aus, sie würden vom „Diktat der Political Correctness“ verfolgt. Einige Nutzer*innen reden in diesem Zusammenhang von einer „Hexenjagd wie im Mittelalter“. Andere gehen sogar soweit, das Engagement gegen Rechtsextremismus mit den Methoden der DDR oder gar des Faschismus bzw. des NS-Regimes zu vergleichen.

Dabei darf man nicht aus den Augen verlieren, worüber sich die Nazis hier aufregen: Sie wollen rassistische, antisemitische, geschichtsrevisionistische, sexistische und homophobe Inhalte ungestört verbreiten. Sie wollen andere beleidigen und bedrohen. Und gegen all dies wehrt man sich – als Foren-Admin oder im Leben – zu Recht, denn es verletzt Menschen und stört das friedliche Leben.

Dieser Text ist ein bearbeiteter Auszug aus der neuen Broschüre vonwww.netz-gegen-nazis.de und no-nazi.net: “Zwischen Propaganda und Mimikry – Neonazi-Strategien in Sozialen Netzwerken”. Sie steht hier zum Download bereit. Über das Projekt no-nazi.net bieten wir auch Workshops zum Thema “Nazis in Sozialen Netzwerken” an.

Mehr aus der Broschüre auf  no-nazi.net: 

| Nazi-Typen

| Kampagnen

Bei Jappy empfehlen

Hinterlasse einen Kommentar


+ 8 = zwölf