Kennst Du das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen?

Was ist passiert?

Mit 200000 Einwohner*innen ist Rostock die größte Stadt in Mecklenburg-Vorpommern. Dort griffen vom 22. -26. August 1992 Teile der Bevölkerung zusammen mit organisierten Nazis die Unterkunft von Asylsuchenden im Stadtteil Lichtenhagen mit Steinen und Brandsätzen an.

Schon Tage im Voraus gab es immer wieder Ausschreitungen vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylsuchende (ZAST), weswegen diese geräumt und Ihre Bewohner*innen in Sicherheit gebracht werden mussten. In der Nacht vom 24. zum 25. August befanden sich jedoch noch mehr als 120 vietnamesische Vertragsarbeiter*innen, ein paar unterstützende Bewohner*innen Lichtenhagens und ein Fernsehteam des ZDF im benachbarten sogenannten Sonnenblumenhaus.

Leider waren es damals keine blumigen Zeiten für die Menschen in diesem Haus. Dem wütenden Nazi-Mob gelang es unter Beifall tausender Zuschauer die ersten Stockwerke des Hauses in Brand zu setzen. Nur mit Mühe und Not konnten sich die Leute, die sich noch in dem Haus befanden, über das Dach in Sicherheit bringen und so ihr Leben retten. Der Polizei wird Untätigkeit vorgeworfen, sie wiederum spricht von Überforderung.

Weitere Infos zu den Anschlägen findet ihr hier.

Was ist das Problem?

Problematisch ist vor allem das Zusammenspiel aus organisiertem Rassismus, politischem Versagen und Begeisterung seitens der Bevölkerung. Das alles lässt die Anschläge noch grausamer wirken. Doch wie ist so etwas möglich? Wie kommt es, dass scheinbar ehrliche und aufrichtige Menschen daneben stehen, wenn Nazis Molotowcocktails auf Asylheime werfen und nichts dagegen tun, sondern auch noch applaudieren?

Zur damaligen Zeit gab es immer wieder rassistische und feindliche Hetzreden in den Medien. So war beispielsweise die Rede von „massenhaftem Missbrauch der Sozialhilfe“ durch „Wirtschaftsasylanten“. Das ist eine ziemlich abwertende Art und Weise über Menschen zu berichten, die auf der Flucht um ihr Leben sind und in Deutschland Asyl und Schutz suchen. Presse und die Politiker stempelten die Asylsuchenden offen in den Medien als „Betrüger“ und „Sozialschmarotzer“ ab und vergaßen dabei völlig, die Notsituation der Flüchtlinge und den Grund ihrer Hilfesuche zu benennen. Anerkannte Parteien wie die CSU verwendeten fremdenfeindliche Slogans wie zum Beispiel „Das Boot ist voll“. So wurde das falsche Bild vermittelt, dass Geld und nicht der Schutz des eigenen Lebens das Ziel der flüchtenden Menschen sei. Zudem wurde damit öffentlich gezeigt, dass es scheinbar in Ordnung sei, Menschen aus anderen Teilen der Welt nicht im “eigenen Land” zu dulden – auch wenn sie sich in ihrer Heimat in Lebensgefahr befinden.

Es wurde eine öffentliche Stimmung vermittelt, in der es möglich war, nationalistische und ausgrenzende Parolen wie „Deutschland den Deutschen“ und „Ausländer raus“ zu rufen. Und hier zeigt sich das eigentliche Problem – neben den Nazis mit ihren gezielten Brandanschlägen: der Rassismus, der sich im Alltag breit machen konnte. Denn dieser erst hat die Anschläge möglich gemacht. Durch ihr Zuschauen und Anfeuern zeigten die Bewohner*innen von Lichtenhagen, dass es rassistische, abwertende und überzogen nationale Einstellungen nicht nur unter Nazis gibt, sondern auch innerhalb der gesamten Gesellschaft.

Rostock-Lichtenhagen war in den 1990er Jahren nicht das einzige Beispiel von Gewalt gegen Menschen mit Migrationshintergrund. Auch in Hoyerswerda konnten Nazis im September 1991 unter Beifall der Bevölkerung  ein Wohnheim von Vertragsarbeiter*innen angreifen. Ende Mai 1993 gab es einen Mordanschlag in Solingen, bei dem fünf Menschen türkischer Herkunft getötet wurde.

Was wird getan?

In dieser Woche jährt sich der Brandanschlag auf die Unterkunft Asylsuchender in Rostock Lichtenhagen zum 20. Mal. Es gibt viele Bestrebungen an die Ereignisse zu erinnern, viele Initiativen haben sich gebildet, auch eine Demonstration wird zum 25. August 2012 am Ort des Geschehens stattfinden.

Es gibt zum Beispiel den Verein Soziale Bildung e.V. (SoBi) in Rostock, an den Ihr Euch wenden könnt, wenn Ihr auch was machen möchtet. Und auch das Projekt „Bei uns ist sowas nicht passiert“ vom Demokratischen JugendForum aus Brandenburg will Jugendliche über die Anschläge in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda aufklären. Mehr zu den Projekten erfahrt Ihr hier und hier .

Was könnt Ihr da lernen? SoBi beispielsweise bietet Projekttage für Schüler*innen und Jugendliche von Jugendeinrichtungen an. Diese sollen helfen, sich zu dem Thema positionieren zu können. Es werden Ansätze erarbeitet, um dem  Rassismus im Alltag kritisch begegnen zu können. Das Leitziel dieser Projekte ist, für das damalige Klima zu sensibilisieren, damit gemeinsam Anknüpfungspunkte für antirassistisches Handeln in der Gegenwart gefunden werden können.

Was ist mit Dir?

Hast Du Dir schon einmal die Frage gestellt warum Menschen ihre Heimat verlassen müssen? Weißt Du wo das nächste Flüchtlingsheim in deiner Nähe ist? Interessant wäre auch die Frage, was passieren muss damit sich so ein Anschlag nicht wiederholt? Wusstest Du denn, was damals passiert ist und wird heute in Deinem Umfeld noch darüber gesprochen?

Wenn auch Du etwas machen und Dich engagieren willst, dann komm zur Demo am 25. August und zeig Gesicht oder frag einfach mal Deine Freunde oder Eltern, ob sie das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen kennen.

Einen tollen Film namens “The truth lies in Rostock”  zu diesem Thema könnt Ihr Euch hier anschauen. Ein spannendes und interessantes Radiointerview namens “Das schlimmste ist schweigen” – 20 Jahre nach den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen – von NDR Info findet ihr hier.

Text von Judith Tuchscherer

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1 Kommentar

  1. Amedar sagt:

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