Active voice!

Interview mit Regina vom Jugendverband Amaro Foro e.V. in Berlin 

 

 

 

 

Immer wieder stoßen wir auf rechtsextreme, rassistische, antisemitische, antiziganistische und weitere menschenfeindliche Inhalte. Puh. Das kann ganz schön ermüdend sein. Umso motivierender ist es zu sehen, dass auch viele Menschen dagegen sind und sich für ein respektvolles Miteinander einsetzen!

Es gibt viele verschiedene Organisationsarten und Formen der Vernetzung, um gegen menschenverachtende Einstellungen aktiv zu werden! Das gibt wieder Energie!

Und deshalb beginnen wir heute mit unserer Interview-Reihe! Regina von Amaro Foro stellt sich und ihre Aktivität beim Jugendverband vor und zeigt damit eine Möglichkeit auf, wie man aktiv werden kann!

Amaro Foro ist ein interkultureller Jugendverband von Roma und nicht-Roma. Durch Empowerment, Mobilisierung, Selbstorganisation und Partizipation soll gemeinsame Verantwortung in der Gesellschaft und gegenseitigen Respekt fördern.

 

1. Hey, stell dich doch mal kurz vor! In welcher Organisation, Initiative bist du aktiv?

Hey! Ich bin Regina, 27 Jahre alt und lebe in Berlin. Ich engagiere mich bei Amaro Foro e.V., einer transkulturellen Jugendselbstorganisation von Roma und Nicht-Roma in Berlin-Neukölln.

„Amaro Foro“ ist romanes und bedeutet „unsere Stadt“ – wir sind der Berliner Landesverband von der bundesweiten Jugendselbstorganisation  „Amaro Drom“ („Unser Weg“).

 

2. Erzähl uns doch einmal wie du dazu gekommen bist dich bei Amaro Foro zu engagieren.

Ich habe nach einem Weg gesucht, mich für die Rechte speziell von Roma zu engagieren – denn die größte Minderheit in Europa  ist erschreckend „unsichtbar“ in der Öffentlichkeit, und  wenn doch mal in den Medien über „die Roma“ berichtet wird, dann meistens sehr negativ, diskriminierend und stereotypisierend.

In der Politik sieht es genauso aus, wenn Roma überhaupt wahrgenommen werden, dann als „Problem“ – das empfinde ich als ungerecht und falsch und möchte etwas dagegen tun.  Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen fast nichts über Roma wissen, aber viele Vorurteile haben. Das sollte sich ändern.

 

3. Was macht ihr hauptsächlich für Aktivitäten? 

Wir sind ein Verein, der von Roma gegründet wurde und auch nicht-Roma wie mir offensteht. Wir haben eine Anlaufstelle, in der insbesondere Menschen aus Rumänien und Bulgarien, aber auch aus anderen Süd/Ost-europäischen Ländern Beratung, Sprachmittlung und Begleitung im Umgang mit dem deutschen Rechtssystem, den Behörden oder bei sozialen Belangen (wie z.B.die Begleitung und Übersetzung bei einem Arztbesuch) bekommen.

Wir haben eine Jugendgruppe und ein nachmittägliches Kinderprogramm und machen bei Schulprojekten mit. Junge Erwachsene können bei uns ein Freiwilliges Soziales Jahr machen, wir kooperieren mit internationalen Jugendorganisationen und Netzwerken und machen politische Bildungsarbeit zur Sensibilisierung gegen Antiziganismus.

In unserem Projekt „Community Building“ wollen wir Raum und Möglichkeiten schaffen zur Selbstorganisation und Empowernment von Roma, in Berlin und bundesweit.

 

4. Was ist deine persönliche Motivation dafür, dass du dich gegen Antiziganismus engagierst? Gab es einen bestimmten Vorfall oder Moment, der dich dazu gebracht hat?

Als Kind bzw. Jugendliche hatte ich enge Freunde, die Roma sind – sie waren vor dem Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien geflüchtet und wurden in Deutschland nicht gerade freundlich aufgenommen. Es gab viele  Vorurteile und viel (staatliche) Repressionen gegen sie.

Sie waren nur „geduldet“, d.h. unter anderem, dass die Eltern nicht arbeiten dürfen, sie aber auch keinen Anspruch auf normale Sozialleistungen haben, dass die Kinder zwar zur Schule gehen, aber keine Ausbildung machen dürfen, dass sie einen bestimmten Umkreis um ihren Wohnort herum nicht verlassen dürfen (also z.B. auch keine Verwandten besuchen dürfen, die weiter weg wohnen oder mal einen Ausflug machen, geschweige denn Urlaub) und dass sie jederzeit einfach so und ohne Vorankündigung abgeschoben werden können.

Viele sind dann auch irgendwann „in ihr Herkunftsland“ abgeschoben worden, obwohl die meisten schon 10, 15 Jahre in Deutschland lebten und hier aufgewachsen und zur Schule gegangen sind, gar kein serbokroatisch sprachen und deutsche Freunde hatten.

Die ganze Situation war immer extrem prekär und durch Willkür, Zwang und Angst bestimmt. Auch damals habe ich versucht, etwas dagegen zu unternehmen. Meine Eltern haben mich dabei unterstützt, aber es hat oft nichts genützt. Ich habe damals durch die Abschiebungen Freunde verloren. Meine Freunde verloren dadurch einfach alles.

Das macht mich heute noch wütend und traurig und es hat mich sehr geprägt. Seitdem habe ich immer versucht, mich in verschiedenen Zusammenhängen gegen solche Strukturen zu engagieren.

 

5. Warum engagierst du dich in einer Initiative mit anderen Menschen und nicht alleine?

Naja, alleine kann man eben nicht besonders viel bewegen, gemeinsam schon:-) Wir haben alle unterschiedliche Talente und jede/r bringt sich so ein, wie er oder sie kann. Deswegen können wir ziemlich viel zusammen schaffen.

 

6. Glaubst du dass eure Aktivitäten etwas in der Gesellschaft verändern können? 

Auf jeden Fall! Wir können viele Menschen ganz direkt unterstützen, ihnen bei Wohnungslosigkeit, drohender  Abschiebung oder anderen (existenziellen) Problemen zur Seite stehen. Unsere Kinder und Jugendlichen machen gute Erfahrungen in einer Gemeinschaft, die sie bestärkt, sich selbst aktiv gesellschaftlich einzubringen.

Wir schaffen Netzwerke um auch mit anderen Organisationen oder Initiativen zusammen zu arbeiten und können so beispielsweise auf politische Entscheidungen Einfluss nehmen; und wir sensibilisieren andere Menschen, um Vorurteile abzubauen und eine Zukunft ohne Rassismus und Antiziganismus ein kleines bisschen mehr möglich zu machen.

 

7. Hat deine Aktivität bei Amaro Foro auch Auswirkungen auf deinen Alltag?

Klar, mein Engagement ist ja in meinen Alltag integriert. Und in meinem Freundes- und Familienkreis wird auch viel mehr über solche Sachen nachgedacht; z.B. werden Medienberichte zum Thema „Roma“ häufiger und auch anders wahrgenommen – viele sind interessiert und fragen dazu nach.

Manchmal ist das anstrengend, besonders wenn es blöde Diskussionen sind, die geführt werden (wenn Leute z.B. auf ihren Vorurteilen beharren), aber meistens ist sowas ok und es kommen positive Statements am Ende dabei heraus.

 

8. Und zum Schluss, beende diesen Satz „Ich hab kein Bock auf Nazis, weil….“

Muss man das extra begründen?! Also ich habe echt einfach keinen Bock auf Nazis!!!!!

 

Das Interview führten Olga Wendtke und P.C. Jaxson
Bei Jappy empfehlen

Hinterlasse einen Kommentar


× 8 = siebzig zwei