Spaß am Fußball ? = Spaß an Deutschland?

(oder: ich bin, du bist, wir sind – äh… wer oder was ist Deutschland?!)

Es ist wieder einmal soweit: Die Fußball-Europa-Meisterschaft 2012 ist mittendrin und seit ein paar Wochen sieht man um sich herum alles Mögliche in den Farben schwarz-rot-gold verpackt. Man trifft sich mit Freund*innen, schaut sich beim Public Viewing gemeinsam die Spiele an und jubelt für das deutsche Fußballteam mit.

Doch merkwürdigerweise wird sich nicht nur für den Fußball als Sport, sondern automatisch auch für Deutschland begeistert. “EM 2012 – Mein Herz schlägt für Deutschland” heißt zum Beispiel eine der vielen Fußball-Fan-Seiten auf Facebook.

Leute reden davon „endlich wieder stolz auf Deutschland“ sein zu können und überall kann man plötzlich Deutschlandfahnen wehen sehen.

Was hat es auf sich mit dem Fußballkult in Deutschland? Und was ist da für eine Verbindung zu Patriotismus und Nationalismus?

In beiden Fällen, beim Nationalismus wie auch beim Patriotismus, steht die Idee einer „eigenen Nation“ im Mittelpunkt. Doch genauso wie Länder und Staaten durch bestimmte Grenzziehungen von Menschen geschaffen sind und sich in der Geschichte auch immer wieder verändert haben, ist auch die Nation etwas künstlich hergestelltes: Es werden Grenzen und damit ein „Innen“ und ein „Außen“ festgelegt. Menschen, die in bestimmten Gebieten leben, sollen dann zu einer bestimmten Nation gehören.

„Nationalismus” und “Patriotismus“ – was genau ist damit eigentlich gemeint?
Beim Nationalismus wird die „eigenen Nation“ verherrlicht und über „andere Nationen“ gestellt. Dabei ist diese Nation etwas Erdachtes und nicht etwas, das „natürlich gewachsen“ ist. Nationalismus bezeichnet eine extreme, emotionale Verbundenheit zu dieser, sich vorgestellten, Nation.

Patriotismus wird meist als „mildere Form“ des Nationalismus gesehen. Auch hierbei wird sich mit der „eigenen Nation“, meist dem Land, in dem man aufgewachsen ist oder lebt, identifiziert. Das wird begründet mit bestimmten Vorstellungen einer „Nation“, wie beispielweise Traditionen, dem politischen System oder der Geschichte eines Landes. Patriotismus kann sich aber auch auf eine bestimmte Region oder eine Stadt beziehen.

Es entsteht ein „Wir-Gefühl“ und führt zu Ab- & Ausgrenzung

Für das deutsche Team zu sein, bedeutet seltsamerweise nicht für das Team des DFB zu sein und sich mit dem Logo des Teams zu schmücken, es ist gleichgesetzt mit “für Deutschland”.  Durch die Vorstellung einer Nation wird also ein Gemeinschaftsgefühl geschaffen, was gar nicht unbedingt etwas mit den eigenen Interessen zu tun hat. Auf einmal ist da ein „Wir-Gefühl“, was nicht nur durch das gemeinsame Fußball schauen, sondern auch durch Deutschland begründet werden soll. Manche Menschen gehen noch weiter und sagen “Wir sind Deutschland” oder “Unsere Jungs”. Von Menschen aus anderen Ländern wird sich dadurch abgegrenzt. Schwierig wird es ganz schnell, wenn es sich auch um eine Abgrenzung zu allem handelt, was nicht in das erdachte “Typisch Deutsch” zu passen scheint.

Da ist dann auch schon Rassismus mit im Spiel

Nicht nur im Fußballstadion unter grölenden Fußballfans, sondern auch auf der Straße werden vor allem während der EM und auch anderen internationalen Turnieren Menschen vermehrt rassistisch beleidigt oder angegriffen: Menschen, von denen man glaubt, dass sie eine „nicht-deutsche Herkunft“ haben und sie damit zu den “Anderen” zählt.

Fritz Burschel, http://www.rosalux.de/

Neonazis nutzen die Zeit der Fußballmeisterschaft gerne, um zwischen den ganzen Deutschlandfahnen ihren Nationalstolz und damit ihre rechtsradikale Ideologie verstärkt auszuleben. Denn uneingeschränkt „für Deutschland“ zu sein und die „eigene Nation“ als die Beste hinzustellen, ist während der EM nichts sonderlich Auffälliges mehr.

Doch auch in der Gesamtgesellschaft steigen rassistische Vorstellungen während der EM an. Eine Gruppe von Wissenschaftler*innen, die seit vielen Jahren Untersuchen zu verschiedenen Formen von “Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit” (also Rassismus, Homophobie etc) durchführen, konnten nachweisen, dass Nationalstolz zu Abwertung von bestimmten Menschengruppen führt, Rassismus also verstärkt. Anhand einer zusätzlichen Umfrage im August zeigten sie, dass nach der Fußball-Weltmeisterschaft befragte Personen “nationalistischer eingestellt” waren als früher Befragte.

Deutsche Geschichte – wie war das nochmal?

Wenn man an die Nation “Deutschland” denkt, darf man die Geschichte des Landes nicht außer Acht lassen. Man darf beim Begriff “Deutschland” nicht vom Nationalsozialismus absehen! Er ist Teil der traurigen und nie zu vergessenden Geschichte dieser Republik. Um zu verhindern, dass solch eine faschistische Diktatur wieder passiert, müssen alle Anzeichen dafür bearbeitet und bekämpft werden. So lange es Überfälle von Neonazis auf Andersdenkende gibt und so lange es Rassismus und Antisemitismus gibt, gibt es wenig Gründe, stolz auf “Deutschland” zu sein.
Wusstet ihr, dass ein Teil der deutsche Nationalhymne auch schon zur Zeit des Nationalsozialismus gesungen wurde? Zwar mit mehr Strophen (insgesamt 3) , aber die dritte Strophe ist bis heute erhalten geblieben – unverändert!
Apropos – “Stolz”: Macht es nicht mehr Sinn, auf etwas stolz zu sein, was man selbst erreicht hat? Wie wäre es damit: Wir sorgen alle gemeinsam dafür, dass sich in diesem Land alle Menschen wohlfühlen können. Das wäre doch ein guter Grund, oder?!

Fußball, yeah!
Es geht auch anders! Beim Fußballgucken oder Fußballspielen kann man sich auch gegen Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Rassismus stark machen! Und Fußball als Sport können wir auch so feiern – ohne irgendeinen „Nationalstolz“!

Text von P.C. Jackson & Anna Groß

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1 Kommentar

  1. shrly sagt:

    Waren das die gleichen Wissenschaftler_innen, die herausfanden, daß Nationalismus und Patriotismus nur zwei Worte für das gleiche Phänomen sind?
    http://www.sueddeutsche.de/wissen/liebe-zum-land-die-maer-vom-guten-patrioten-1.912131
    Ansonsten guter Artikel. Wie steht eigentlich der DFB dazu? Der hat ja 2006 noch sämtliche Aufklärung, von Zwangsprostitution bis Nationalismus, verboten, weil das “das Bild des Fußballs schädigen würde”.

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