Dossier: Geschichtsrevisionismus im Netz

“… und außerdem hat Hitler die Autobahn gebaut!” Wer kennt sie nicht, die halb unsicher, halb trotzig vorgebrachten “Argumente” der NS-Zeit-“Skeptiker*innen” on- und offline. Wer den Krieg wirklich angefangen hat, was Hitler wirklich wollte und ob es den Holocaust wirklich gegeben hat: All das sind Fragen, die von sogenannten “Geschichtsrevisionisten” vorgebracht werden. no-nazi.net erklärt euch, was es mit diesen Geschichtsrevisionist*innen auf sich hat, und für welche Zwecke sie mit der Geschichte Pingpong spielen.

Immer wieder beziehen sich Rechtsextreme im Netz positiv auf die deutsche NS-Geschichte. Der Nationalsozialismus als radikal antisemitische und rassistische Weltanschauung wird gefeiert, der Holocaust geleugnet und das “Großdeutsche Reich” herbeigesehnt. Wenn geschichtliche Ereignisse verdreht oder einseitig dargestellt werden, wenn historische Ereignisse für die eigenen ideologischen Zwecke missbraucht werden, spricht man von GeschichtsrevisionismusUm zu erklären, was genau damit gemeint ist, schauen wir uns zunächst einmal das zusammengesetzte Wort an. Der erste Teil “Geschichte” ist noch ziemlich klar. Geschichte meint die wissenschaftliche Deutung, Einordnung und Erklärung von vergangenen Ereignissen. “Revisionismus” kommt vom lateinischen revidere, dem „wieder hinsehen“.

Das klingt ja zunächst mal gar nicht schlimm. Vielleicht fragt ihr euch: Was ist falsch daran, Geschichte zu re-visionieren, also wieder und neu anzuschauen? Nun, beim Geschichtsrevisionismus geht es nicht nur ums revisionieren, sondern auch ums revidieren, es geht darum, Geschichte neu und anders zu deuten. Und auch “umdeuten” klingt zunächst mal nicht schlimm. Die Kriegsschuld-Debatte wurde beispielsweise in den 1960er Jahren erst neu aufgerollt, nachdem der Historiker Fritz Fischer die damals populäre Deutung, die Deutschen seien in den ersten Weltkrieg mehr so “hineingeschlittert”, in Frage gestellt hatte. Indem er aus historischem Quellenmaterial neue Erkenntnisse zog und die Schuld für den ersten Weltkrieg in deutschen Machtbestrebungen erkannte, startete er eine hochemotionale Debatte, die sich nachhaltig auf unser heutiges Geschichtsverständnis ausgewirkt hat.

Geschichtsrevisionistische Thesen

Was heutige, rechtsextreme Revisionist*innen allerdings revidieren wollen, sieht leider ganz anders aus. Schauen wir uns die typischen Parolen von Geschichtsrevionist*innen an, die euch sowohl online als auch im Alltag begegnen können:

“Eine industrielle Vernichtung von Juden hat es nie gegeben”

“Die Reichskristallnacht war eine Inszenierung zionistischer Juden”

“Hitler wollte den Krieg nicht, wurde aber durch die Verschwörung des ‘Weltjudentums’ dazu gezwungen”

“Es gab keine Vernichtungslager auf deutschem Boden”

“Der zweite Weltkrieg war ein reiner Verteidigungskrieg”

“Hitler hat sich besonders um das deutsche Volk, Frauen und die Familie gekümmert und neue Arbeitsplätze geschaffen”

Ziemlich absurd, diese Sammlung. Leider glauben viele Menschen an diese und ähnliche Theorien. Denn: Die wenigsten Geschichtsrevisionist*innen sind Historiker*innen. Ihnen geht es nicht darum, durch exakte Quellenanalyse neue Erkenntnisse zu einer angemesseneren Darstellung der Geschichte vorzulegen, sondern vielmehr darum, gesellschaftlich und politisch anerkannte, historisch belegte Tatsachen zu verwerfen und zu entkräften, um sie durch nationalistisch-ideologische, antisemitische und rassistische Erklärungsmuster zu ersetzen. Historische Daten werden dabei herausgepickt und umgedeutet. Denn mit Geschichtsrevisionismus in Deutschland geht fast immer eine rechtsextreme Einstellung einher. Weil es an dieser Stelle nicht möglich ist, auf die oben genannten Thesen einzeln einzugehen, würden wir euch gerne auf verschiede Seiten verweisen, die sich detailliert mit den Thesen der Geschichtsrevision*istinnen auseinandersetzen: Auf der Seite h-ref, auf komplex-rlp.de und auch im Wikipedia-Artikel zu Geschichtsrevisionismus finden sich ausführlichere Erläuterungen. Heutige Geschichtsrevisionist*innen arbeiten und organisieren sich vor allem über das Internet. Über das Netzt werden einschläge Dokumente wie beispielsweise der “Leuchter-Report” , eine als Gerichtsgutachten verfasste Holocaust-Leugnung, geteilt und verteilt.

339 Altermedia Deutschland - „Schoah durch Gas“ oder „Schoah durch Kugeln“_ Kein materieller oder forensischer Beweis! - 23-04-2014

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Facebook-Badge “Opa war in Ordnung”

Was uns an dieser Stelle wichtig ist: Diese angeblich historisch belegten Beweise beziehen sich meistens auf falsche Quellen, isolierte Informationen oder ideologisch gefärbte Texte. Wer auf das Buch bekannter Geschichtsrevisionisten wie beispielsweise David L. Hoggan oder David Irving verweist, wird dort natürlich Referenzen finden, die seine Thesen stützen. Bei rechtem Geschichtsrevisionismus geht es immer um eine ideologisch motivierte Umdeutung der Geschichte zu deutschen/deutschnationalen Gunsten, der Glorifizierung des Dritten Reiches und der Relativierung oder Leugnung des Massenmordes an Juden und Jüdinnen, Schwarzen, Behinderten, Homosexuellen, Roma, Kommunist*innen, Sozialdemokrat*innen, Zeugen Jehovas und Kriegsgefangenen. Von “Opa war kein Nazi” bis hin zu “Der Holocaust ist eine Erfindung der Juden” finden sich im Netz unzählige geschichtsrevisionistische Nester. “Opa war in Ordnung” bedeutet übrigens nicht etwa, dass “Opa” während der NS-Zeit Juden und Jüdinnen versteckt oder sich dem System entgegengestellt hat – “in Ordnung” findet der User in unserem Screenshot seinen Großvater, weil der sich “ordnungsgemäß” verhalten habe, seiner “Pflicht” nachgekommen und Befehle ausgeführt hat. Eine sehr verqueere Vorstellung von dem Unterschied zwischen Gehorsam und Gerechtigkeit.

Eine ebenfalls speziell deutsche Richtung von Verschwörungstheoriekomplexen ist die Reichsbürgerbewegung. Die so genannten Reichsbürger bzw. die Reichsbewegungen halten die Bundesrepublik Deutschland für nicht existent und propagieren  vom Fortbestand des “Deutschen Reiches”. Ihrer Meinung nach fehle der Bundesrepublik die “verfassungsrechtliche Grundlage”. Auch der Verfassungsschutz Brandenburg beobachtet diese Bewegung und stellt fest: “‘Reichsregierungen’ sind teilweise tief in der rechtextremistischen Szene verankert. Volksverhetzende Äußerungen, Holocaust-Leugnung, Werbung für rechtsextremistische Parteien sowie Aufrufe für rechtsextremistische Demonstrationen sind keine Seltenheit.” Eine intensive Auseinandersetzung mit den Reichsbürgern und ihren “kommissarischen Reichsregierungen” findet ihr bei krr-faq.

Das große “Wir” und das große “Die Anderen”

337 Deutschland unser Vaterland - 23-04-2014

Deutschland aus der Sicht vieler Neonazis und Geschichtsrevisionist*innen – überall wo angeblich Deutsch oder “Mundarten” von Deutsch gesprochen werden, soll “Deutschland” sein

Mit Neonazis und anderen Rechtsextremist*innen zeichnen sie ein Bild der Geschichte, das sich grob so umschreiben lässt: “Wir”, “die Deutschen” sollen von einem übermächtigen Gegner (wahlweise Amerikaner, Engländer, Russen, Alliierte, Juden etc.) in den Zweiten Weltkrieg gezwungen und im Nachgang – zwecks “Volksversklavung” – zu unhaltbaren Kriegsschuld(en) verdonnert worden sein, einhergehend mit Gebietseinbußen und dem “Bruch” der nationalen Identität. Dabei stilisieren sich Geschichtsrevisionist*innen – ähnlich wie Vertreter*innen antisemitischer Verschwörungstheorien – als “Bewahrer” des “verbotenen Wissens”, der “geheimen Wahrheit”, die auf geheimnisvolle Art und Weise dem “Volk” unzugänglich gemacht wurde und die sie nun, quasi “unter Einsatz des eigenen Lebens” ans Licht bringen wollen. Dabei wird besonders der “Wir”–”Die Anderen”-Kontrast hervorgehoben, wobei das “Wir” die eigene Gruppe bezeichnet, die sich gegen die “Anderen”, die dann eben die “Unterdrücker*innen” oder “Besatzer*innen” sind, “zur Wehr setzen”.

329 Anonymous - 22-04-2014

Ein gutes Beispiel für dieses Parteien-Denken liefert uns “Philipp”. Philipp meint, er lebe in einem Land, das von “Besatzern” gesteuert und von “Marionetten” regiert wird – typsich rechtsideologische Überzeugung

Dieses Muster ist eine beliebte Strategie, um von der Unhaltbarkeit der eigenen Thesen abzulenken, frei nach dem Motto: “Egal was die anderen sagen, es ist falsch – denn sie sind unsere Feinde und wollen uns vernichten.” Das ist nicht nur paranoid, sondern auch gefährlich: Je weiter die historische Gegebenheit der NS-Zeit und industriellen Massenvernichtung in die Vergangenheit rutscht, desto leichteres Spiel haben die Revisionisten: Je weniger Zeitzeug*innen da sind, die von den Gräueltaten der Nationalsozialist*innen, die sie am eigenen Leib erlebt haben, berichten können, desto schwieriger wird es für Eltern, Lehrer*innen und Historiker*innen, anschauliche Formen der Geschichtswiedergabe und Erzählung  zu finden.

Geschichtsrevisionismus, multimedial im Netz

Auch in Ländern wie Frankreich, Russland, Japan, Israel und der Türkei gibt es Geschichtsrevisionismus. So wird beispielsweise in vielen japanischen Geschichtsbüchern immer noch versucht, die Massaker an der chinesischen Bevölkerung während des Weltkriegs zu verschweigen beziehungsweise zu relativieren. Doch nirgendwo findet Geschichtrevisionismus so systematisch statt, wie in Deutschland. Zahlreiche Bücher, Blogs, Videos, Internetseiten verbreiten geschichtsrevisionistisches Material.

Das ist besonders alarmierend in Anbetracht der Tatsache, dass die Netz-Nutzer*innen immer jünger werden. Wer zum ersten Mal mit dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert ist, und dem Thema weder sachlich noch emotional gewachsen ist, ist leichte Beute für die Holocaust-Leugner, denn er oder sie kann die Informationen nicht richtig einordnen. Holocaust-Leugnung ist in Deutschland zwar verboten, da viele Internetseiten jedoch im Ausland gehosted sind, bleiben die Urheber*innen häufig unbehelligt und können ihre gefährliche Propaganda weitläufig im Internet streuen.

Geschichtsrevisionistische Veranstaltungen

In der Offline-Welt finden rechtsextreme Versammlungen mit geschichtsrevisionistischem Hintergrund natürlich auch regelmäßig statt. Viele dieser Veranstaltungen werden mittlerweile allerdings im Netz initiiert und koordiniert. So auch die “Trauermärsche” zu Ehren der “deutschen Opfer”, die alljährlich von Neonazis in vielen deutschen Städten durchgeführt werden. Vorsätzlich wird dabei nur den deutschen Opfern gedacht und das menschenfeindliche Nazi-Regime mit all seinen Verbrechen vollkommen außer Acht gelassen. Beispiele dafür waren in den letzten Jahren der Trauermarsch Anfang Februar in Dresden sowie der “Rudolf-Hess-Gedenktag”, bei dem jedes Jahr der nationalsozialistische Kriegsverbrecher Rudolf Hess als Märtyrer gefeiert wird.

332 vk.com - 23-04-2014

Auch die beinah religiöse Verehrung des “Führers” Adolf Hitler geht mit dieser Art von Vergangenheitswahrnehmung einher. So wird jedes Jahr am 20. April der Führergeburtstag von Rechtsextremist*innen zelebriert.

Umgang mit den Schrecken des Nationalsozialismus

Viele von euch haben den Nationalsozialismus in der Schule bestimmt sehr ausführlich behandelt, Literatur aus und über die Zeit gelesen, historische Quellen analysiert, eventuell sogar Zeitzeugen befragt oder ein ehemaliges Vernichtungslager besucht. Für die meisten von euch liegt der Zweite Weltkrieg schon so weit zurück, dass auch die Großeltern “zu jung” waren, um etwas erzählen zu können.

Und trotzdem: Wer in einem ehemaligen Konzentrationslager steht, an den kalten Wänden entlangstreicht, unter dem Schriftzug “Arbeit macht frei” hindurchschreitet und den Schienen folgt, die Tag für Tag Deportierte dem Tod auslieferten, wird sich einem Gefühlsgewitter nicht entziehen könne. Natürlich – es wäre einfacher, dieses Stück deutscher Geschichte einfach zu “vergessen”, sich mit den schlimmen Verbrechen nicht auseinandersetzen zu müssen. Aber es wäre nicht richtig, es wäre gefährlich, es wäre feige.

Was bedeutet Geschichte?

Noch ein paar kleine Anmerkungen zum Umgang mit Geschichte und revisionistischen Tendenzen: Ihr müsst euch Geschichte als Prozess vorstellen. Das meint nicht nur, dass sie – wie die Zeit – immer weiter voran schreitet, sondern eben auch, dass sich die Interpretation der Vergangenheit ändert. Dass sich unser Geschichtsverständnis ändert, ist somit ganz natürlich.

Das darf aber nie soweit gehen, dass ganze Völkermorde einfach aus der Geschichtsschreibung, Büchern und Berichten und noch schlimmer, unserem Gedächtnis, unserer Erinnerung und unserer Wahrnehmung verschwinden. Denn das schafft Platz für rechtsextreme Umdeutung von Geschichte und gefährlicher Instrumentalisierung historischer Ereignisse. Irgendwann wird es niemanden mehr geben, der mit einer Nummer auf dem Arm die unvorstellbaren Verbrechen der Nazis bezeugen kann. Und wir dürfen nicht zulassen, dass mit den letzten Überlebenden auch die Erinnerung an eines der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte verblasst.

Weitere Links:

http://www.netz-gegen-nazis.de/lexikon/geschichte

http://www.netz-gegen-nazis.de/frage/was-tun-gegen-geschichtsrevisionismus-auf-youtube-7840

http://www.publikative.org/tag/geschichtsrevisionismus/

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