Anti- was? Z-I-G-A-N-I-S-M-U-S? Was ist denn das? 

Über die Feindschaft gegenüber Sinti und Roma

Der Begriff ANTIZIGANISMUS beinhaltet das Wort “Zigan”. Was sich nach”Zigeuner” anhört,  ist eine ausgrenzende und abwertende Fremdbezeichnung für Sinti und Roma.

Trotz des deut­schen Völ­ker­mor­des an Sinti und Roma im Nationalsozialismus, dem 500.000 Men­schen zum Opfer fie­len, ist die grundliegende Diskriminierungsform bis heute kaum bekannt. So präsent sie ist, so selten wird sie wiederum zum Thema: Auch engagierte Antirasst*innen und Politikwissenschaftler*innen haben diesen spezifischen Rassismus gegen Sinti und Roma selten auf dem Schirm.

Wie alltäglich Antiziganismus leider ist, wer denn diese Sinti und Roma sind, was dazu gehört und wie man sich dagegen engagieren kann, erfahrt ihr hier!

Die Eigenbezeichnung “Zigeuner*in” findet man bei Sinti und Roma sehr selten. Und wenn, dann vor allen Dingen als Versuch, das negativ besetzte Wort für sich zurückzugewinnen.

“Sinti und Roma” ist das in Deutschland verwendete Begriffspaar, um diese zwei Volksgruppen zu benennen und zu unterscheiden. Den Ursprung der Sinti und Roman verortet man im 9. und 10. Jahrhundert in Indien und Pakistan. Verschiedene Eroberungsfeldzüge machten die Minderheit zu Unterdrückten und Sklaven. Über die Sklaverei und die mit ihr verbundene Verschleppung verteilten sich Sinti und Roma über die ganze Welt. Faktisch sind Sinti und Roma heute staatenlos. In Westeuropa haben sich vorwiegend Sinti niedergelassen, in Osteuropa hingegen eher Roma. Sie leben als Minderheit in vielen Ländern Europas. Überall scheinen ähnliche Stereotype zu kursieren,  wodurch die Diskriminierung gegenüber Sinti und Roma nicht nur bei uns alltäglich zu sein scheint:

Nicht nur in Deutschland werden Sinti und Roma verbal oder physisch angegriffen, staatlich registriert oder hin- und her abgeschoben. Man kann davon ausgehen, dass seit über 600 Jahren Sinti und Roma in Deutschland leben – eine ganz schön lange Zeit! Und dennoch genug Zeit, um alte Vorurteile in der Gesellschaft fest zu setzen. Heute leben ca. 120.000 Sinti und Roma in Deutschland. Die meisten davon legal und mit deutscher Staatsbürgerschaft, damit gehören sie hier zu einer der größten Minderheitsgruppen. Manche wiederum halten sich illegal in Deutschland auf. Ca. 70.000 haben eine sogenannte “Duldung”, ein zeitlich begrenztes Bleiberecht, ohne Arbeit und ohne Rechte, mit der ständigen Angst der Abschiebung hoffen sie hier auf ein besseres Leben.

Woher kommen die Stereotype?

Im Zuge der Charakterisierung vieler Völker im 18. und 19. Jahrhundert, sprach man Sinti und Roma “Kriminalität” als “Wesenseigenschaft” zu. Dies war schon damals genauso absurd wie heute. Niemand hat ein “kriminelles Gen”!
Dieses Vorurteil lässt sich auf “Räuberbanden” zurückführen, die in Europa tatsächlich umherfuhren und häufig in der Wahrnehmung mit Sinti und Roma gleichgesetzt wurden. Ob das eine Verwechselung zweier fahrender Völker war oder ob manche der so genannten Räuberbanden tatsächlich Sinti und Roma waren, ließ sich schwer nachvollziehen. Doch wie dem auch sei: Selbst wenn manche Sinti und Roma kriminell gewesen wären, waren es anders herum doch eben die meisten nicht!

Viele Menschen in Deutschland schreiben Sinti und Roma zu, nicht sesshaft zu sein. Was viele Sinti und Roma früher auch tatsächlich nicht sein konnten. Denn auf der Flucht vor Armut, Vertreibung und Verfolgung, auf der Suche nach Sicherheit und Arbeit, schlossen sich viele zu einem “fahrenden Volk” zusammen. Entgegen mancher immer noch kursierender Klischees sind die wenigsten Sinti und Roma heute Nomaden! Im Gegenteil.

Es gibt zwar auch positiv besetzte Zuschreibungen wie zum Beispiel “musikalisch”, die in den Klischees zu Sinti und Roma häufig genannt werden. Dennoch bestreiten diese Stereotype die Tatsache, dass Sinti und Roma einfach genauso unterschiedlich und individuell sind wie alle anderen Menschen auch.
Gemeinsamkeiten eines Volkes können keine Charakterzüge sein, sondern beispielsweise die gemeinsame Sprache “Romanes” oder ein gemeinsamer Glaube.

Mal wieder ein NPD Flugblatt: “Zigeunerflut stoppen! Kriminalität bekämpfen!”

Neonazis verwenden die geläufigen Vorurteile über Sinti und Roma für ihre rassistische Hetze: So pöbelten NPD Politiker auf der Kundgebung vorletzte Woche am Potsdamer Platz gegen die “Armutszuwanderung aus Osteuropa” nach Deutschland bzw. nach Dortmund und Berlin. Deutschland sei kein “Selbstbedienungsladen” und die Geflüchteten lägen dem Sozialsystem auf der Tasche. Die Anspielung auf Sinti und Roma ist klar: Denn in Dortmund wohnen derzeit viele (Sinti und) Roma, die aus Rumänien, Bulgarien oder dem Kosovo nach Deutschland gekommen sind.

In diesen Ländern sind Sinti und Roma ärmer als die Ärmsten: Sie leiden unter massiver Verfolgung, Repression und Hunger und kommen in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland. Es ist das alte Lied, das ihnen aber dann leider entgegen klingt: Die Angst vor “Überfremdung” oder einer Mehrbelastung des Sozialstaates.
Diese Angst ist scheinbar anschlussfähig: Auch bekannte und führende Politiker wie zum Beispiel Bundesinnenminister Friedrich sprechen von einem Problem mit “Armutsflüchtlingen” aus dem Kosovo und Rumänien. Die Hetze des SPD Politikers Martin Korol aus Bremen sorgte erst kürzlich für Schlagzeilen: Sinti und Roma würden in einer “archaischen Welt” leben, in der viele Kinder gezeugt würden, sich aber niemand dafür verantwortlich zeigt. Und er wurde noch rassistischer in seinen Zuschreibungen. Korol wurde daraufhin aus der SPD-Fraktion ausgeschlossen. Dennoch zeigt sich an diesen Beispielen, dass nicht nur Neonazis diesen speziellen Rassismus teilen. Die NPD ist mit ihren Ressentiments durchaus massentauglich und so setzen sie ganz bewusst auch auf Antiziganismus im Wahlkampf.

Gute Ideen gegen Antiziganismus

Es ist wichtig gegen Ausgrenzung und Diskriminierung vorzugehen, aber um sich engagieren zu können, muss man sich erst einmal die Existenz der Diskriminierungsform eingestehen. Zigeuner*in ist im Sprachgebrauch als Schimpfwort (Argumente zum Thema Schimpfwort) leider gefestigt und muss als Erstes hinterfragt werden!

Stereotype über Sinti und Roma sitzen ganz schön tief. Lange wurde selbst die Verfolgung im Nationalsozialismus nicht offiziell anerkannt, erst 2012 wurde in Berlin ein Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma eingeweiht. Dieses Beispiel zeigt, wie viel noch aufzuarbeiten ist und wie wenig Beachtung das Thema in der auch Auseinandersetzung mit dem Naziregime gefunden hat. Mache doch deine Lehrer*innen darauf aufmerksam, das Thema im Unterricht anzusprechen.

Gerade der “Antiziganismus Watchblog” zeigt sehr eindrücklich, wie alltäglich dieser Rassismus ist. Deshalb gilt es aufmerksamer zu sein, sich und seine Sprache zu hinterfragen, Freund*innen auf ihre Vorurteile hinzuweisen und sich für einen respektvollen Umgang einzusetzen.

Ein bisschen konkreter…

Unser Interview mit Amaro Foro zeigte, welche Möglichkeiten man auch als Nicht-Roma hat, sich mit dem Thema auseinander zu setzen.

Um den tagtäglichen Antiziganismus europaweit zu dokumentieren und zu thematisieren, haben zwei junge “Nicht-Roma aus Baden-Württemberg” (wie sie sich selbst bezeichnen) das Projekt “Antiziganismus Watchblog” gestartet. Unkommerziell und kritisch verfolgen sie das tagtägliche Geschehen rund um das Thema Sinti und Roma und dokumentieren antiziganistische Vorfälle. Um Projekte gegen Antiziganismus und/oder von Sinti und Roma zu unterstützen, haben sie ein Soli T-Shirt entworfen, dessen Einnahmen gespendet werden!
Die Linkliste des Blogs ist zudem auch sehr spannend: Hierüber könnt ihr euch viele Hintergrundinformationen zur Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma in Deutschland und Europa anschauen!

Ganz allgemein sind der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma und das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma eine zentrale Anlaufstelle und Informationsquelle für allerlei Fragen zur Situation von Sinti und Roma in Deutschland.

Auch bei der Amadeu Antonio Stiftung gibt es Ansprechpartner*innen, wenn ihr euch gegen Diskriminierung und Antiziganismus und für ein Gedenken und Erinnern an die Verfolgten Sinti und Roma einsetzen wollt. Informationsmaterial sowie Flyer oder Kontakte zu weiteren Organisationen können jederzeit angefragt werden!

Habt ihr Antiziganismus in eurem Alltag schon einmal erlebt? Fallen euch schlagkräftige Sprüche zum Kontern ein, wenn das nächste Mal jemand als “Zigeuner*in” beschimpft wird? Wie kann man Betroffene unterstützen? Wie meint ihr, kann man sich noch engagieren? Schreibt uns doch einen Kommentar oder eine E-mail an nonazinet@amadeu-antonio-stiftung.de!

Ein Text von Martha Grau

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