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Wann wird Israelkritik eigentlich antisemitisch?

Anfang April veröffentlichte der Schriftsteller Günter Grass das Gedicht „Was gesagt werden muss“. Eine breite mediale und gesellschaftliche Diskussion entbrannte. Von den meisten deutschen Medien und Politiker*innen wurde das Gedicht abgelehnt. Dem Autor wird vorgeworfen, sich in dem Gedicht israelfeindlich und antisemitisch zu äußern. Aber was hat Grass in seinem Gedicht eigentlich genau gesagt und wieso erntete er damit so viel Kritik?

Was Grass in seinem Gedicht geschrieben hat

Günter Grass ist 84 Jahre alt gilt als einer der einflussreichsten deutschen Schriftsteller in Deutschland. Er hat sogar 1999 den Literaturnobelpreis gewonnen und galt lange als kritischer linker Geist. Deshalb war es eine ziemliche Überraschung, als er im Jahr 2006 zugab, nicht nur während der NS- Zeit in der Hitlerjugend aktiv gewesen zu sein. Er hatte sogar für die Waffen-SS gedient. Die Waffen-SS war eine der brutalsten militärischen Verbände während des Nationalsozialismus. Sie hatte im Krieg den Ruf, besonders rücksichtslos gegenüber Gefangenen und der Zivilbevölkerung zu sein. Sechs Jahre später veröffentlicht Günter Grass nun ein Gedicht, in dem er behauptet, das Land Israel gefährde den Weltfrieden. Er warnt vor einem Krieg Israels gegen den Iran. Er appelliert daran, dass Israel keine deutschen U-Boote bekommen dürfe, da sonst ein angeblicher Weltfrieden bedroht sei. Er behauptet, die deutsche Regierung könnte “Zulieferer eines Verbrechens werden (…), das voraussehbar ist.” In dem Gedicht heißt es außerdem, ein Angriff auf den Iran sei “das behauptete Recht auf den Erstschlag”, der das “iranische Volk auslöschen könnte”.

Das Gedicht bezieht sich auf den Nahostkonflikt. Der Nahostkonflikt ist ein ziemlich komplexes Thema. Um die Kritik an Grass Gedicht zu verstehen, ist es notwendig, auf die aktuelle Situation im Nahen Osten zu blicken. Außerdem ist es wichtig zu wissen, warum es den Staat Israel gibt und wie wichtig seine Existenz für Juden und Jüdinnen auch heutzutage ist.

Was ist Antisemitismus?

Vereinfacht gesagt ist Antisemitismus ein Vorbehalt gegen Jüdinnen und Juden. Dazu gehört, dass Jüdinnen und Juden unterstellt wird, eine “Weltherrschaft” anzustreben. Auch denken sich Antisemit*innen, Jüdinnen und Juden seien für viele Probleme verantwortlich  (z.B. in der Wirtschaft) und ihnen wird vorgeworfen, besonders gierig zu sein. All dies passiert nur in den Köpfen der Antisemit*innen, nichts davon stimmt. Trotzdem sind solche Ansichten auch heute noch weit verbreitet. Der Holocaust hat gezeigt, welche Folge Antisemitismus haben kann: Nämlich den Versuch der Ermordung aller Jüdinnen und Juden, unabhängig von deren Herkunft, Alter, Geschlecht oder Glauben.

Warum gibt es Israel?

Nach dem Holocaust stand fest, dass sich Jüdinnen und Juden nicht mehr auf ihre jeweiligen Regierungen verlassen können und die Vereinten Nationen entschieden, dass sie ein Anrecht auf einen eigenen Staat haben. Im Jahr 1948 stimmten die Vereinten Nationen der Schaffung eines sicheren Ortes für vom weltweiten Judenhass betroffenen Menschen im Nahen Osten zu. Die dort lebende jüdische Bevölkerung gründete daraufhin am 14.05.1948 den Staat Israel, der heute nicht größer ist als das Bundesland Hessen.

Seit seiner Gründung muss sich Israel immer wieder gegen Versuche wehren, den Staat zu vernichten. Direkt nach der Staatsgründung wurde Israel beispielsweise von einem Bündnis der arabischen Nachbarstaaten angegriffen. Bis heute finden fast täglich Angriffe auf Israel statt. Dabei werden oft mit Absicht Zivilist*innen angegriffen, zum Beispiel durch Raketenangriffe und Terroranschläge.

Was hat der Iran mit Israel zu tun?

Der Iran ist einer der 20 größten und bevölkerungsreichsten Staaten der Welt. Im Iran herrscht keine Meinungsfreiheit, Regimekritiker*innen werden gefoltert und Proteste werden gewaltsam niedergeschlagen.  Das diktatorische Regime im Iran wünscht sich, dass Israel „vom Gesicht der Welt gefegt“ wird. Im Iran hält der religiöse Führer Ali Khamenei die höchste politische Position. Dieser erklärte, dass die „Eliminierung“ (Vernichtung) Israels ewiges Ziel des iranischen Regimes sei. Präsident Ahmadinedschad hat Israel als „Fleck der Schande“ bezeichnet, der entfernt werden müsse. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass das iranische Regime im Moment versucht, an Atomwaffen zu kommen, die Israel treffen könnten. Das bereitet vielen Menschen große Sorge. Sie wollen mit allen Mitteln verhindern, dass das iranische Regime an Atomwaffen kommt. Dabei schließen einige einen militärischen Angriff auf iranische Atomanlagen nicht aus.

Was hat Kritik an Israel mit Antisemitismus zu tun?

Antisemitismus beginnt nicht erst dann, wenn Jüdinnen und Juden offen beschimpft werden. Viele judenfeindliche Einstellungen treten versteckt auf, wie Geheimcodes, die man genau unter die Lupe nehmen muss, um ihren Inhalt zu verstehen. Häufig werden, wenn es um Israel geht, verdeckte antisemitische Äußerungen getätigt. Das tun nicht nur Neonazis, sondern auch Menschen verschiedener politischer Einstellungen.

Wenn zum Beispiel die Politik Israels mit der der Nazis verglichen wird, wird das unfassbare Leid, dass die Jüdinnen und Juden unter dem nationalsozialistischen Deutschland erfuhren, verharmlost. Antisemitismus drückt sich auch dann aus, wenn Jüdinnen und Juden das Recht auf einen eigenen Staat abgesprochen wird oder vom Staat Israel mehr erwartet wird als von anderen Staaten. Dazu gehört, wenn Probleme in Israel ständig, aber in anderen Ländern kaum angesprochen werden. Antisemitisch ist es auch, wenn typische judenfeindliche Vorbehalte auch gegen das Land Israel gerichtet werden. Das passiert zum Beispiel, wenn Israel als besonders hinterlistig, besonders gierig, oder als im Vergleich zu anderen Staaten als „unnatürlich“ dargestellt wird. Zur Akzeptanz der Existenz Israels gehört auch, die Gefahr, in der sich Israel konstant befindet, ernst zu nehmen und das Recht auf Selbstverteidigung anzuerkennen.

Natürlich machen auch die Politiker*innen Israels Fehler – wie Politiker*innen überall auf der Welt. Diese zu kritisieren, konkret und ohne antisemitische Untertöne, ist nicht nur legitim, sondern wichtig – denn dieser Streit ist ein wichtiger Teil der Demokratie. Aber Vorsicht vor Verallgemeinerungen, Gleichsetzungen zwischen Jüdinnen und Juden und israelischer Politik oder Verschwörungstheorien – hier gerät man schnell in antisemitische Argumentationen hinein.

Und was ist nun mit Grass’ Gedicht?

Grass tut so, als berühre er mit seinem Gedicht ein großes Tabu – dabei berichten viele Medien weltweit und in Deutschland kritisch über israelische Politik. Er wirft Israel vor, den Iran auslöschen zu wollen – dabei war es faktisch der Iran, der bisher von einer Auslöschung Israels redete. Außerdem suggeriert er eine Bevorzugung Israels, was die Kontrolle von Atomwaffen anginge. Dann tut er so, als gäbe es insgesamt eine Abmachung, die israelische Politik nicht zu kritisieren – was erstens nicht stimmt und zweitens Verschwörungsideen sind. Und schließlich bezeichnet er Israel als größte Gefährdung des Weltfriedens. Ohne Zweifel ist der Nahostkonflikt ein gefährlicher und leider auch schwer zu lösender Krisenherd – aber dessen Ursprung ist, wie oben ausgeführt, nicht Israel.

Es ist nicht hilfreich, wenn sich ein einflussreicher Mann wie Grass auf diese Art und Weise verallgemeinernd und faktisch falsch zum Nahostkonflikt äußert. Dadurch werden Menschen bestätigt, die nach einfachen Lösungen (und Schuldzuweisungen) in komplizierten Konflikten suchen, die es aber oft leider nicht gibt. Deshalb haben auch viele Menschen so empört auf das Gedicht reagiert.

Foto: Flickr / cc / Das blaue Sofa

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2 Kommentare

  1. Michael Slawinski sagt:

    Kritik an Israel ist in unserem Lande immer sehr schwierig, da viele “Gutmenschen” das sofort immer als Antisemitismus verstehen. Die Äusserungen von Grass waren einfach nur dumm und haben nicht dazu beigetragen, das Thema Nahost-Konflikt vernünftig anzugehen. Trotzdem finde ich die Reaktionen darauf völlig überzogen und teilweise sogar hysterisch. Man sollte sich schon der historischen Schuld bewusst sein, aber es hat keinen Sinn, jegliche Kritik gleich immer mit dem Antisemitismus-Vorwurf zu ersticken. So etwas ist dumm und unreflektiert.

  2. Lothar Jestädt sagt:

    Es wird hier leider sehr einseitig über die Staatsgründung Israels geschrieben. Israel war zuvor kein Niemansland sondern Palestina und es wurde niemand gefragt, sondern im 6 Tagekrieg aus seiner Heimat vertrieben oder getötet, das sind keine guten Vorraussetzungen für ein friedliches zusammen leben mit den Nachbarn. Ich hatte als Arbeitskollegen mal einen Palestinenser, er hat mir noch deutlich mehr details erzählt. Kurz auf einen Nenner gebracht, um friedlich zusammen zu leben muss man sich gegenseitig Achten, und das ist dort nicht der fall

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