Dossier: Antimuslimischer Rassismus

Die Rechtspopulisten von "Pro Deutschland" demonstrieren im August 2012 in Berlin (Bild: picture-alliance/dpa)

Die Rechtspopulisten von “Pro Deutschland” demonstrieren im August 2012 in Berlin (Bild: picture-alliance/dpa)

“Sarrazin hat Recht” findet “M. Halalfrei”, der sich online gerne über die vermeintliche “Islamisierung” Europas auslässt, PI-News liest und am Wochenende zur Demonstration gegen die neue Moschee im Viertel geht und danach bei Facebook Fotos von brennenden Moscheen postet: Unter dem Deckmantel der Islamkritik hetzen Islamfeind*innen in Foren, sozialen Netzwerken und auf Blogs gegen Muslim*innen. no-nazi.net erklärt, was es mit dieser Sonderform von Rassismus auf sich hat.

Als Antimuslimischen Rassismus bezeichnet man die Diskriminierung von Menschen, die aufgrund optischer Merkmale dem Islam zugeordnet werden – dabei spielt es häufig keine Rolle, ob die Betroffenen tatsächlich einer muslimischen Glaubensgemeinschaft angehören oder nicht. Bei der Betrachtung antimuslimischer Rassismen steht steht nämlich nicht die tatsächliche Religionszugehörigkeit der Betroffenen im Vordergrund, wie auch der “Rat muslimischer Studierender und Akademiker” erklärt. Vielmehr werden Menschen, die als “fremd” und “nicht-deutsch” wahrgenommen werden, pauschal zu Muslim*innen, um vom Reizwort “Rassismus” abzulenken, und gleichzeitig menschenfeindliche Parolen als “Religionskritik” verkaufen zu können. Ein gewisses Maß an Islamfeindlichkeit scheint hierzulande beinahe zum “guten Ton” zu gehören, wie das MiGAZIN schreibt.

Feindbild “Islam”

Der Islam wird hierbei als “bedrohlich”, “rückständig” und “barbarisch” dargestellt, meistens mit dem Verweis auf das “zivilisierte und fortschrittliche Christentum”. Es handelt sich also um eine spezielle Form von Rassismus, der sich gegen (vermeintliche) Muslim*innen richtet und den Islam systematisch abwertet. Besonders im Kontext der NSU-Morde wurde das Problem institutionalisierten amtimuslimischen Rassismus offenkundig, wie hier in einem Video des ZDF deutlich wird.

 

208 NEIN zum EU-Beitritt der Türkei - 25-02-2014

Dieser User liefert mit seinem Kommentar ein Paradebeispiel für menschenverachtenden antimuslimischen Rassismus. Abgesehen von seinen wortreichen Beleidigungen zeigt sich hier die unter Islamfeind*innen weit verbreitete Art, von der Religion Islam als “Volk” zu sprechen. Dass es viele unterschiedliche ethnische und kulturelle Gruppen gibt, in denen sich Menschen als Muslime bezeichnen, ist ihm aus Unwissenheit und Ignoranz völlig egal.

 

Blogs wie “Politically Incorrect” (PI-News) – in denen nichts anderes als rassistische Hetze speziell gegen Muslim*innen praktiziert wird – werden immer populärer. Beim Lesen der Beiträge solcher Weblogs wird offenkundig, dass es einen Rassismus gibt, der vor allem auf (vermeintliche) Muslim*innen abzielt, sich aber gleichzeitig als „Kritik“ tarnt. Typische Parolen antimuslimischer Hetzer*innen werden auf der Seite der “Interkulturellen Woche” enttarnt.

 

206 NEIN zum EU-Beitritt der Türkei - 25-02-2014

Auch anti-muslimische Verschwörungstheorien sind nicht fern. Der Verfasser dieses Kommentares befindet sich gedanklich schon im dritten Weltkrieg, der seiner Meinung nach von Moscheen aus organisiert werden wird. Eine durchaus nicht ungefährliche Paranoia…

 

Der populärste Vertreter antimuslimischer Thesen: Thilo Sarrazin

Spätestens seit Sarrazins Buch “Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen” sind antimuslimische Debatten und Parolen auch in den öffentlichen Medien präsenter geworden. Das Buch verkaufte sich 1,5 Millionen Mal und wurde in unzähligen Zeitungsartikeln, TV- und Radiosendungen sowie im Netz heftig diskutiert. Seine Thesen stießen in einigen Teilen der Bevölkerung aufgrund ihrer Einfachheit auf großen Zuspruch – was wirklich hinter seinen angeblichen Fakten steckt, hat der Mediendienst Integration untersucht.

Antimuslimischer Rassismus-korr

 

Rassistische Ideologien im Schutze der Anonymität des Netzes

Auch in Sozialen Netzwerken, bei zahlreichen Gruppen und Kommentaren lässt sich eine wachsende islamfeindliche Einstellung feststellen. „Türken-Wulff ist nicht unser Präsident“ und „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ heißen beispielsweise entsprechende Seiten auf Facebook. Obwohl solche Kommentare auch auf Seiten zu finden sind, die zunächst „harmlos“ erscheinen, ist der Inhalt eindeutig islamfeindlich. Viele Nutzer*innen des Internets fühlen sich durch vermeintliche Anonymität im Netz geschützt. Deswegen haben sie häufig auch keine Scheu davor, sich ganz offen rassistisch zu äußern:

 

211 Deutschfeindlichkeit ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen - 25-02-2014

Satte elf Likes für die Ansammlung von menschenverachtender Ideologie – die Gefahr der Normalisierung rechtsextremen Gedankenguts im Netz ist hoch.

 

Synonym zu antimuslimischem Rassismus werden häufig die Begriffe “Islamophobie” oder “Islamfeindlichkeit” benutzt. Wir sprechen hier jedoch lieber von “Antimuslimischem Rassismus”, da es sich nicht um eine “Phobie”, “Angst” oder “Feindlichkeit” gegenüber des Islam als Religion handelt, sondern in den meisten Fällen auf Menschen zielt und somit – wie Rassismus – eine Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ist. Der Begriff “Phobie” suggeriert außerdem, dass es sich bei dieser “Angst” um etwas “Natürliches” handelt, wie die Aktivistin Jawaneh zu Beginn ihres Vortrags “Was ist antimuslimischer Rassismus” treffend erklärt.

 

210 Deutschfeindlichkeit ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen - 25-02-2014

Fast schon lustig: Diese Nutzerin schafft es, einer Gruppe von Menschen Rassismus vorzuwerfen, die sie im gleichen Satz selbst auf menschenfeindliche Weise beleidigt.

 

In Deutschland ist antimuslimischer Rassismus sehr präsent – in rechtspopulistischen Kampagnen und Blogs, in den Veröffentlichungen von Thilo Sarrazin, der öffentlichen Debatte im Netz und in verschiedenen Situationen im Alltag, wenn z. B. Frauen aufgrund ihres Kopftuches beleidigt werden.

 

Die irrationale Angst vor “Überfremdung” als Antrieb für die Kriminalisierung einer ganzen Glaubensgemeinschaft

Und nicht nur NPD-Anhänger*innen, Hardcore-Nazis oder Rechtspopulist*innen mischen mit, sondern auch viele andere Nutzer*innen sprechen von einer Angst vor “Überfremdung”. So werden bestimmte Vorstellungen über Muslime und Muslima durch Vorurteile und Verallgemeinerungen transportiert, der Islam kriminalisiert und Gläubige diskriminiert.

Die “gefühlte Bedrohung” von “zu vielen Muslimen” und “zu viel Islam” hat mit wirklichen Zahlen und Gefahren nichts zu tun. Es gibt viele Regionen, in denen Muslime weniger als 1 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Und besonders in diesen Regionen geben die Menschen an, sich vom Islam “bedroht” zu fühlen. Das zeigt, dass Unwissenheit ein großer Faktor für antimuslimischen Rassismus ist.

 

Die aktuellen anti-muslimischen Bewegungen in den Netzen und auf den Plätzen

Pegida-Screenshot

Die Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes),  ist eine Protestbewegung, die in Dresden eine breite bürgerliche Schicht mit rassistischen Ressentiments auf die Straße bringt. Unter den Demonstrierenden befinden sich neben Rechtspopulisten wie AfD-Anhänger*innen und Neurechten wie die Identitären auch einschlägig bekannte Hooligans und Neonazis. Vor allem Facebook dient der Pegida als Organisations- und Vernetzungsstruktur und hat seit ihrer Gründung im Oktober 2014 wachsenden Zulauf. Mitte Dezember verzeichnete  die Pegida-Facebookseite über 66.000 Likes. Anfang Januar 2015 sind es nun ca. 120.000 Likes. Der hohe Zulauf im Netz spiegelt sich auch auf der Straße wider: vom 8. Dezember 2014 mit 10.000 Teilnehmenden auf 15.000 am 15. Dezember 2014. Am 05.01.15 waren es 18.000 Teilnehmende. Ableger haben sich bereits in andern deutschen Städten gebildet: Dügida (Düsseldorf), Bagida (Bayern), Legida (Leipzig) usw. Wir zählen aktuell 26 verschiedene GIDA-Seiten auf Facebook. Sie sind aber weitaus weniger erfolgreich wie die Pegida, diese ist eindeutig das Flaggschiff der bundesweiten Proteste. Die „GIDA-Bewegungen“ sind Ausdruck des antimuslimischen Rassismus der Mitte der Gesellschaft. Eine Mitte, die sich radikalisiert und mit sozialchauvinistischen und nationalistischen Argumenten gegen Flüchtlinge aus anderen Kulturkreisen argumentiert. Die Facebookseite #pegidawatch, die Aktivitäten der Pegida kritisch beleuchtet, bietet euch nützliche Informationen. Über die sozialen Netzwerke vernetzen und radikalisieren sich politische Milieus. Dort erhalten sie einfache Antworten auf alles was sie als Bedrohung in einer modernen Gesellschaft wahrnehmen –”Islamisierung”, „Gender-Wahnsinn“, “Gutmenschen-Terror“, „Lügenpresse“ usw.

 

Hoges-Screenshot

 

HoGeSa (Hooligans gegen Salafisten) ist eine bundesweit agierende, vorwiegend aus der Hooligan-Szene stammende, Aktionsgruppe, die sich nach eigenen Angaben gegen den Salafismus in Deutschland wendet. Die bis dahin überwiegend im Internet agierende Gruppierung wurde vor allem durch eine Demonstration am 26. Oktober 2014 in Köln bekannt, an der zwischen 3.000 und 5.000 Personen teilnahmen. Zum 15. November wurde eine HoGeSa-Kundgebung in Hannover mit Ausgangspunkt vor dem Hauptbahnhof angemeldet. Die Polizei Hannover untersagte diese Versammlung, da sie gewalttätige Ausschreitungen wie in Köln befürchte. Nach Angaben von Experten aus Politik und Polizei handelt es sich um einen bundesweiten Zusammenschluss von zum Großteil gewaltbereiter bislang verfeindeter Hooligan-Gruppen.

Auch rechtsextreme Parteien, darunter Pro NRW, Die Rechte sowie die NPD, versuchen Einfluss auf die Bewegung zu nehmen, wobei jedoch bislang die Hooligans den Ton angeben. Nach den Ausschreitungen in Köln stellte sich der politisch rechtsorientierte, islamkritische Blog Politically Incorrect (pi-news) auf die Seite der HoGeSa. Auf Blogs wie pi-news findet auch die Vernetzung zwischen Pegida und HoGeSa statt.  Außendarstellung gibt sich die HoGeSa gerne bürgerlich und sucht den Schulterschluss mit der Mitte – vor allem mit Pegida.

 

Was dagegen hilft: Aufklärung!

mediendienst-integration.de 2014-3-26 18 15 14

Verlässliche Zahlen und Fakten zu Fragen der Migration, Integration, Desintegration und verschiedener Reliogionen liefert der “Mediendienst Integration” – mit einem Klick auf das Bild kommt ihr zur Seite der Organisation

 

Falls ihr euch mit dem Islam nicht auskennt und solchen Vorurteilen und Beschimpfungen etwas entgegensetzen möchtest, könnt ihr euch hier oder hier über die Religion ebenso wie über unterschiedliche Kulturen, die vom Islam geprägt sind, informieren. Fakten gegen typische antimuslimische und Parolen findet ihr hier. Und wie immer gilt: Eingreifen, Mut zeigen, menschenfeindliche Hetze stoppen!

 

Weitere Artikel findet ihr auf:

Netz-gegen-Nazis http://www.netz-gegen-nazis.de/category/lexikon/islamfeindlichkeit  und http://www.netz-gegen-nazis.de/category/lexikon/antimuslimischer-rassismus

Zu PEGIDA: http://www.netz-gegen-nazis.de/lexikon/pegida

Publikationen und Broschüren zum Thema:

Antimuslimischer Rassismus und rechtspopulistische Organisationen” – Broschüre des apabiz

“Blickpunkt: Antimuslimischer Rassismus” – Broschüre der DGB-jugend

“Wem nützt antimuslimischer Rassismus” – ZAG-Berlin

Bei Jappy empfehlen

1 Kommentar

  1. rolf sagt:

    ” Die irrationale Angst vor Überfremdung ”

    Ich würde gerne mal wissen, was daran irrational sein soll, denn als irrational kann es nur jemand empfinden, der ein überzeugter Multikultilinker ist, und dem am Erhalt eines europäisch geprägten Deutschlands ohnehin nichts gelegen ist. Wem aber der Erhalt unendlich wichtig ist, dem kann es eben auch nicht egal sein, wenn in Deutschland mehrere Millionen Muslime angesiedelt werden.

    ” Es gibt viele Regionen, in denen Muslime weniger als 1 Prozent der Bevölkerung ausmachen. ”

    Ja, noch gibt es ein paar derartige Regionen, allerdings gibt es auch schon Regionen, in denen sie 70% der Bevölkerung ausmachen.

    Wie schon gesagt, sie vertreten lediglich die typischen Ansichten, eines Linken, der schon von Haus aus davon aus geht, dass alle Menschen gleich sein, das der Islam eine völlig harmlose und unpolitische Religion sei, und es daher auch völlig egal ist, wenn man mitten in Deutschland, einfach mal so mehrere Millionen Muslime ansiedelt.

    Sie könnten hier auch genauso gut 5 Millionen nordkoreanische Kommunisten ansiedeln, und dann diejenigen Deutschen, denen das nicht gefällt, als antikoreanische Rassisten bezeichnen.

    Man kann nicht völlig unterschiedliche ethnische bzw. politische Gruppierungen auf einem Territorium ansiedeln, und dann glauben, dass dieses zu einer harmonischen Gesellschaft ohne Konflikte führen wird.

    Und der Konflikt zwischen Europäern/Christen und den Muslimen besteht schon seit Jahrhunderten, und zwar in allen Regionen der Erde. Das kann man nicht einfach so antimuslimischen Rassismus nennen, gerade, wenn man weiß, das es hauptsächlich die Muslime sind, die andere Bevölkerungsgruppen, in islamisch geprägten Staaten, massiv diskriminieren und oft sogar verfolgen.

    Falls sie demokratisch genug sind, und diesen Kommentar veröffentlichen sollten, würde ich mir wünschen, dass sie darauf auch mal wirklich antworten, und zwar nicht nur mit dem typischen Bla Bla.

    [WORDPRESS HASHCASH] The poster sent us ‘0 which is not a hashcash value.

Hinterlasse einen Kommentar


× sieben = 28