Ahnungslos – Das Extremismusvideo der Bundeszentrale für politische Bildung

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) sorgte mit dem Video „Ahnungslos 2012 Bonusmaterial: Extremismus“ jüngst für einen Aufreger. Nun wurde das Video gelöscht, ein fader Nachgeschmack aber bleibt. Wir erklären, was das Video so problematisch macht.

Extremisten: „Wie sehen die eigentlich aus und wie erkennt man sie?“ – fragt die Bundeszentrale in ihrem neuen Video, das Ende August online ging, aber erst in den letzten Tagen wirklich „populär“ wurde. Erkennungszeichen und Merkmale identifizieren – das klingt ja zunächst einmal so wie das, was wir hier versuchen: Vorurteile aufbrechen, Strategien erklären und Extremisten enttarnen. Was folgt, hat aber leider wenig mit differenzierter Aufklärung zu tun.

Tenor: Verallgemeinerung statt Aufklärung

Die Bundeszentrale möchte, laut eigener Aussage, mit ihrem Video „bildungs- und politikferne junge Menschen, deren Alltagswelt durch eine starke Unterhaltungs-, Spaß- und Konsumorientierung gekennzeichnet ist“ ansprechen. Leider versucht sie dies durch die inflationäre Nutzung von Stereotypen, Symbolen und Verallgemeinerungen.Beim Thema Islamismus fällt diese Pauschalisierung ganz besonders auf. Auch wenn es dort heißt, dass „auf den Zündungsknopf ihrer selbstgebastelten Rohrbomben (…) nicht nur bärtige Männer mit Turban“ drücken, so ist es eben doch der Islamist mit dem Turban, der das ganze Video hindurch zu sehen ist. Er hat sogar ein Schild um den Hals hängen, auf dem „Islam“ steht. Das ist missverständlich! Der Islamist vertritt nämlich nicht etwa „den Islam“, der da als Etikett um seinen Hals baumelt, sondern eben die radikal-islamistische Auslegung und -nutzung dieser Religion.

NSU-Mordserie der Rechtsextremen als Antwort auf linksextreme Brandstiftungen?

Größter Kritikpunkt war das Wort „kontern“, das sich direkt im zweiten Satz findet. Hier zum Nachlesen: „Es herrscht Bombenstimmung in Deutschland. Die Linken fackeln Luxuskarossen ab und die Rechten kontern mit den sogenannten Dönermorden.“ Dass das Klischee linksextremer Auto-Abfackler nur bedingt berechtigt ist, hatte die Berliner Polizei schon letztes Jahr einräumen müssen. (Quelle: presseportal.de) In Hamburg war die letzte Brandstiftungsreihe sogar von einem NPD-Sympathisanten verursacht worden, und NICHT, wie zunächst vermutet, von linksextremen Straftätern. Abgesehen davon: Dass auf eine Reihe von Brandstiftungen mit Morden „gekontert“ worden seien soll, ist mehr als unglücklich formuliert. Auch der durch die Medien verbreitete Begriff „Dönermord“, der hier vermutlich gewählt wurde, um einen Wiedererkennungseffekt bei den Jugendlichen zu ermöglichen, ist und bleibt dennoch rassistisch.

     Screenshot des Videos der Bundeszentrale für politische Bildung – Quelle: netz-gegen-nazis.de

 

Ebenso ist die Darstellung von „Linken“ fragwürdig, die in Deutschland mit der Antifa assoziiert werden. (Mehr über die Antifa findest du hier: /gute-ideen-gegen-nazis/was-ist-die-antifa/) In dem Video heißt es vermeintlich witzig: „Die Linken riechen ein bisschen besser, weil sie bei den häufigen Demonstrationen eine kostenlose Ganzkörperdusche genießen.“ Dass der polizeiliche Einsatz von Wasserwerfern jedoch weitaus unangenehmer ist als eine Ganzkörperdusche, zeigt ein Fall aus dem Jahr 2010, wo bei einer Demonstration gegen „Stuttgart 21“ ein Demonstrant von Wasserwerfern ins Auge getroffen werde und dadurch beinahe gänzlich erblindete. Witzig war das nicht.

Bundeszentrale rudert zurück – Kritik angekommen?

Immerhin – die bpb scheint die Kritik ernst zu nehmen und lädt zur Diskussion auf ihrem Youtube-Kanal ein, wo sich auch ein Statement zu den Vorwürfen findet: „Um es kurz zu machen: unsere Intention bezüglich des Videos ist offensichtlich nicht verstanden worden und insbesondere die Formulierung “kontern” missverständlich. Aus diesem Grund hat die Redaktion entschieden, das Video zu überarbeiten.“ Leider zeigt diese Aussage, dass die Kritik wohl doch nicht ganz angekommen ist. Anstatt sich an Formulieren festzubeißen, sollte man bei der Bundeszentrale lieber über die Gesamtaussage nachdenken. Ein User dazu: „Damit man eure Intention (welche auch immer) in Zukunft besser versteht, empfehle ich eurem gesamten Team an Anti-Diskriminierungskursen und Anti-Rassismuskursen teilzunehmen“.

„Vor dem Grundgesetz sind alle gleich“ heißt es in dem Video. In dem neuesten Video der Bundeszentrale aber leider auch. Denn mit welchem Ziel oder welcher Motivation jemand „extrem“ ist, bleibt hier unbeachtet. Stattdessen werden alle Formen von Extremismus gleichgesetzt und rassistische und antisemitische Denkmuster an den Rand der Gesellschaft verschoben. Diese Betrachtungsweise erschwert die Auseinandersetzung mit allen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und führt nur dazu, Stereotypen weiter zu erhalten und zu fördern. Schade, finden wir.

Text von Alina Valjent

GD Star Rating
loading...
Ahnungslos - Das Extremismusvideo der Bundeszentrale für politische Bildung, 4.1 out of 5 based on 7 ratings
Bei Jappy empfehlen

Hinterlasse einen Kommentar


acht − = 5