Aufruhr am Gymnasium – Antisemitismus, Verharmlosung oder einfach nur Spaß?

Frech und witzig sollen die kleinen Wortspiele mit den drei Buchstaben A, B, I sein. Jahre langes früh aufstehen, Schulbank drücken, über Klausuren schwitzen und sich mit Mitschüler*innen und Lehrer*innen rumschlagen ist nun zuende! So lange hat man auf diesen Abschluss mit aller Energie (mehr oder minder) hingearbeitet und genau das soll das Motto auch ausdrücken! Dass man jetzt die Schule so richtig hinter sich lässt, man ein Stück unabhängiger und erwachsener ist, man frei von Anwesenheitspflicht, Lernstress und Notendruck in die Welt ziehen kann!

Doch der Spaß kann auch in die Hose gehen! An einem Gymnasium in Bayern war das erst neulich der Fall. Antisemitische, sexistische oder rassistische Abimotto-Vorschläge kommen leider öfters auf. Warum Humor seine Grenzen hat und ein Abimotto hinterfragt werden sollte!

An den meisten wird dieser Trend nicht vorbeigegangen sein, denn die Gruppen mit den lustigen Sprüchen auf dem Pulli und der Sektflasche in der Hand, sieht man bei ihren Feiern in öffentlichen Parkanlagen und den Innenstädten, egal ob Abitur oder Mittlere Reife, eigentlich bundesweit. Die Wahl eines Abimottos ist für viele in der Oberstufe eine wichtige Sache, schließlich werden diese Sprüche die Pullover und T-Shirts der Abiturient*innen zieren, die Überschrift der eigenen Abizeitung und soll auch das Partymotto der Abschlussfeierein sein!

An einer Schule in Bayern kippt die Stimmung jedoch gewaltig, nachdem interne Vorschläge für das Motto von engagierten Mitschüler*innen skandalisiert und veröffentlicht werden. Die Organisationsgruppe für die Abschlussfeierlichkeiten fordert Schüler*innen dazu auf, sich Gedanken zu einem Abimotto zu machen und auf diese Anfrage hin schaukelt sich die Debatte zwischen den Schüler*innen hoch. Der Vorschlag “RA(b)bi – wir hams im Goldsäckchen” bekommt relativ viele Likes der Mitschüler*innen auf Facebook, aber auch gegen “Abi KZ- wir verbrennen die Duden” gibt es, bis auf eine Ausnahme, keinen Widerspruch.

Nicht erst der Vergleich der Schulzeit mit der Lebenssituation, Deportation und Ermordung von Millionen Menschen zwischen 1933 und 1945 und die Gleichsetzung von Konzentrationslagern und der schulischen Institution halten wir für unfassbar problematisch, sondern schon der erste der beiden Vorschläge ist weder als Witz und schon gar nicht als Abimotto tragbar.

“RA(b)bi – wir hams im Goldsäckchen” greift ein bekanntes Vorurteil gegenüber Jüdinnen und Juden auf das besagt, dass ein*e Jüdin oder ein Jude immer zwei Säckchen um den Hals trägt, eines, mit echtem Gold und eines, um im Fall eines Überfalls ein Falschgold-Säckchen hergeben zu können, um den Dieb auf diese Weise hinters Licht zu führen. Ein*e Rabbi (meist männlich, in liberaleren Gemeinden aber durchaus auch weiblich) ist ein jüdische*r Gelehrte*r der Thora, also dem Alten Testament, auf das sich das Judentum bezieht, der*die Schriftgelehrte legt die Vorschriften der Thora aus. Oft sind Rabbiner*innen Vorsitzende einer Jüdischen Gemeinde, ihre Hauptaufgabe bleibt aber die religiöse Lehre und Studie.

Warum man im Zusammenhang mit dem Judentum immer wieder über Symbole von Gold, Wohlstand und Reichtum stolpert lässt sich historisch nachzeichnen, denn Geldgeschäfte waren im Mittelalter für Christen verboten. Dagegen hatten Juden und Jüdinnen  in vielen Bereichen des Arbeitsmarktes Berufsverbote erteilt bekommen. Für das Verleihen und einfordern von Zinsen gab es jedoch keine religiösen Auflagen. Wenn man Geld verleiht, will man es auch wieder – durch das Einfordern von Geld wird man sicher auch nicht zum beliebtesten Geschäftspartner, so entstand wohl auch Missmut und Ärger vieler gegenüber den Geldverleiher*innen. Geldgeschäfte waren aber historisch betrachtet logischerweise ein beliebtes Mittel und oft auch die einzige Möglichkeit um Geld zu verdienen. Dennoch ist es historisch falsch, anzunehmen, die jüdische Bevölkerung hätte durch das Geschäft Wohlstand genossen; in Judengassen auf engstem Raum, oftmals unter Armut leidend und ausgeschlossen von den bürgerlichen Rechten war der Alltag von Juden und Jüdinnen von Diskriminierung, Kriminalisierung und gesellschaftlichem Ausschluss geprägt. Das Klischee des Goldsäckchens, ist wohl nur ein Sinnbild der Zuschreibungen von den betrügerisch  geldgierigen, geizigen Jüdinnen und Juden.

Man feiert Abitur, ein fröhlicher Anlass und freut sich endlich am Ende der Schulzeit angelangt zu sein: wenn man sich aber positiv auf solche Klischees bezieht, indem man sein Abitur ins “Goldsäckchen” packt, packt man auch ganzschön viele unhinterfragte und unkritisch nachgeplapperte Stereotype mit ein!

Der Denkschritt der Schüler*innen war in der Facebook Debatte auch kein weiter: vom Vorschlag mit antisemitischem Stereotyp aus dem Mittelalter direkt weiter zur nächsten Anregung mit der offenen Anspielung auf die millionenfachen Morde an Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus. Bei dem zweiten Vorschlag, der beim Lesen im Hals stecken bleibt, ist der Bezug auf die industrielle Massenvernichtung von Millionen von Menschen in den Konzentrations-, Arbeits- und Vernichtungslagern zwischen 1933 und 1945 nicht zu übersehen. Wie makaber, entwürdigend und erbärmlich es gegenüber der Opfer des Nationalsozialismus ist, “wir verbrennen die Duden” mit der Anspielung auf die Verbrennung der Leichen in den Krematorien der Konzentrationslager, als Leitspruch seines Abitur Trinkgelages zu verwenden, sollte offensichtlich sein.

Argumentiert wird mit Zensur und Humorfeindlichkeit, man solle sich mal nicht so anstellen und alles so ernst nehmen, Moralapostel und Petze wird den Schüler*innen entgegengebracht, als sie die Vorschlänge offen kritisieren und transparent machen. Die berechtigte Kritik wird von den Mitschüler*innen als Verrat an der Gemeinschaft begriffen, die diese Witze duldend hinnahm und sogar bestärkte.

Aber dieser Humor, ist gefährlich. Hinter solchen Einfällen stehen unhinterfragte Klischees, Stereotype und ein falsches Geschichtsbild. Die Schule ist kein KZ, die Verbrennung von Büchern in Deutschland kein Kavaliersdeliket und die Vernichtung von Menschen kein Scherz – im Gegenteil! Und deshalb sind die Kommentare als Witz mehr als geschmacklos. Solche Sprüche verletzen Menschen, sie verharmlosen die Geschichte, hinterfragen weder Antisemitismus noch das Nazi-Regime, können Nazis und Vorurteilen nur Vorschub leisten und sind darüberhinaus strafbar.

Ob “Abidolf Hitler”, “Abi macht frei” (Anspielung auf: “Arbeit macht frei”, Spruch am Tor von Auschwitz), “13 Jahre Vollgas” , “NSDAbi” (Anspielung auf: NSDAP, Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei), oder “Ra(b)bi” – Mischt euch ein, wenn eure Mitschüler*innen oder Lehrerkollegen meinen es sei amüsant in Nazi-Abiklamotten zu feiern, werdet aktiv wenn solche Vorschläge in den Organisationsgremien aufkommen, thematisiert es genauso wie die mutigen Schüler*innen aus Bayern. Die Erscheinungsform des Witzes darf die Vorurteile dahinter nicht kaschieren. Es muss kritisiert und darüber diskutiert werden wenn solche Ideen aufkommen, denn es steckt oft mehr dahinter als die Unüberlegtheit und leichtsinniger Humor. Mischt euch ein, werdet aktiv!

Text von Martha Grau

 

Gab es schonmal einen ähnlichen Vorfall an eurer Schule? wie habt ihr reagiert? habt ihr Vorschläge für ein antirassistisches Abschlussmotto? Schreibt uns doch einfach einen Kommentar oder eine Mail an nonazinet@amadeu-antonio-stiftung.de

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11 Kommentare

  1. [...] Immer öfter tauchen auch an Schulen rassistische oder antisemitische Parolen auf. An einem Gymnasium in Bayern war das erst neulich der Fall. Antisemitische, sexistische oder rassistische Abimotto-Vorschläge scheinen zum Trend zu werden. (no-nazi-net) [...]

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  2. Caspar sagt:

    Die einfachste Möglichkeit so etwas zu unterbinden ist, dass sich der Schulleiter ein Veto-Gegenüber dem Abimotto vorbehält. Schließlich ist es ja seine Schule, die in den Dreck gezogen wird, wenn das Abi-Motto nicht gut gewählt ist.

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  3. Y. Delvalle sagt:

    Eigentlich erwarte ich gerade von Abiturienten, kritisch hinterfragen zu können und ein besseres Geschichtsbewusstsein entwickelt zu haben, als andere Schulabgänger – einfach aufgrund der umfassenderen Bildung. Ein “Reifezeugnis” ist das Abitur für diese Schüler wahrhaftig nicht… schade. Derlei Stereotypen oder Stammtischparolen erwarte ich doch eher von Menschen mit geringem Interesse an Geschichte, ohne Fähigkeit zu analysieren, kritisch zu vergleichen, von solchen, die nachplappern ohne die Fähigkeit zur eigenen Urteilsbildung entwickelt zu haben. Vorurteile zu haben ist für mich fast synonym mit dumm sein.
    Abitur? Für das Äußern derartiger Sprüche sollten diese jungen Erwachsenen eine Ehrenrunde zum Nachdenken drehen dürfen, bevor sie einen erneuten Anlauf zum Abitur nehmen können. Nun hoffe ich, dass ich nicht auch Voruteile damit habe, zum Glück kenne ich genügend Jugendliche quer aus allen Bildungsschichten – und erfreulicherweise hat es nicht per se etwas mit d. Bildungsniveau zu tun, ob Menschen respektlos oder unreflektiert sind.

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  4. Christian sagt:

    Name der Schule wäre hilfreich, da ich in Bayern lebe – und meine Tochter ganz bestimmt nicht auf ne Faschoschule schicken möchte.

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  5. Lost Crusader 42 sagt:

    Kaum zu glauben, was Leuten, die angeblich Abi haben wollen für eine Scheiße durch die Rübe fliegt (Auch wenn ich den Text “13 Jahre Vollgas” für nicht verwerflich sondern von den Autoren für überinterpretiert halte.)

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  6. marvin42 sagt:

    Abgesehen davon, dass der Artikel mit den *innen extrem anstrengend zu lesen ist (schade eigentlich), erschreckend was da so abgeht… Allerdings frage ich mich, was ist an “13 Jahre Vollgas” verwerflich? Darf man das Wort nicht benutzen – vor allem in einem (eigentlich) harmlosen Kontext wie dem Abitur? Wie heißt es denn, wenn ich von meinem Auto die maximal mögliche Leistung abverlange?

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  7. lkue sagt:

    Abimottos in dem stil gabs bei uns auch schon, die sind aber ziemlich schnell abgebügelt worden und waren auch eindeutig NICHT ernst gemeint.
    GEnerell muss ich aber sagen dass das LEsen dieses Artikels ziemlich anstrengend ist, Geschlechtergleichheit in Ehren aber ich lese lieber einen Text in dem immer nur ein GEschlecht für die Wörter benutzt wird, egal ob weiblich oder männlich…es reicht ja zu sagen dass dies nur zur besseren Lesbarkeit so gemacht wird. Oder redest du auch so???

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  8. Martha Grau sagt:

    Den Namen der Schule zu veröffentlichen halte ich für falsch, da es leider kein Einzelfall ist. An meiner Eigenen Schule ist das genauso auch vorgekommen, die Schule in Bayern mit der wir in der Stiftung zu tun hatten, war nur aktueller Anlass zur veröffentlichung dieses Artikels. Ich denke, dass es irrelevant ist, an welcher Schule das passiert ist, um das Phänomen zu kritisieren.

    Das mit dem “Vollgas” ist meiner Meinung nach verwerflich wenn das ABimotto “Abidolf Hitler – 13 Jahre vollgas” heißt. Es steht im Kontext und hat somit rein gar nix mit der Höchstleistung deines Kraftfahrzeugs zu tun, sondern ist ein geschmackloser Wortwitz der auf die millionenfache Vergasung von Menschen anspielt.

    Ich denke auch, dass das Motto von Schulleiter*innen nicht zugelassen wird, dennoch ersetzt ein schlichtes Verbot eines solchen Mottos den Diskurs darüber nicht und mit einem Verbot ist noch nichts über die Motivation der Leute bei solchen Aussagen gesagt. Ich denke, dass nur eine Ausseinandersetzung mit dem Thema dazu führen kann die Klischees und Geschichtsbilder zu hinterfragen, die den Schüler*innen da so im Kopf rumgehen…

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  9. rnlf sagt:

    @Martha Grau: “13 Jahre Vollgas” steht eben nicht im Kontext zu “Abidolf”. Da stehen Anführungszeichen um beide Einzelthemen und sogar noch ein ganzes weiteres Motto dazwischen. Insofern finde ich dieses spezielle Motto absolut nicht verwerflich.
    Was die anderen angeht stimme ich allerdings vollumfänglich zu.

    @Phillip M: Humor ist eine Sache und wenige haben etwas dagegen, wenn Hitler oder das gesamte rechte Gedankengut veralbert wird. Wenn allerdings die Nazi-Opfer zum Opfer des Witzes werden, hört der Spaß auf. Nur weil du der Meinung bist, dass jemand, der nicht deiner Meinung ist, ist ein Lügern, heißt das noch lange nicht, dass es stimmt und/oder dass du in deiner angeblich linken Grundhaltung so gefestigt bist, wie du behauptest. “Ich bin zwar kein Nazi, aber Ausländer raus” ist eine beliebte rhetorische Figur.

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  10. Jule sagt:

    Ich kenne das auch mit dem Vollgas, Freunde von mir haben auch schon so gewitzelt.
    Bei ihnen hieß der Abimotto vorschlag “Abidolf Hitler – 13 Jahre Gas gegeben”, und das ist doch wohl verwerflich!
    Klar wenn der Abiwortwitz ein anderer ist dann kann man schon Vollgas sagen, aber was Martha Grau da zu meinen scheint ist ja, dass wortspiele mit Gas im Zusammenhang mit NSDAbi oder Abidolf absolut nix mit Autos oder erbrachter höchstleistung zu tun hat.
    Ich kenne sogar den Spruch “Ra(b)bi, lang genug ausgeschwitzt”, fand ich ganz schön übel!!!!

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  11. GehtEuchNixAn sagt:

    Wir sind keine “Faschoschule” und bei uns wird der Geschichtsunterricht genauso gehalten wie an anderen Schulen auch >:( Das war ein Witz von drei, vier Schülern, die zugegeben gerne mal die ein oder andere Grenze überschreiten, aber das auf die ganze Jahrgangsstufe/Schule zu übertragen, finde ich mehr als lächerlich und außerdem ähnlich oberflächlich und unüberlegt wie die Aussagen, die hier kritisiert werden. Da ich als Mitschüler -mit Verlaub- wohl mehr von den Geschehnissen mitbekommen habe, als der Autor dieses Textes oder die Verfasser der zahlreichen Kommentare (hier und auf Facebook), kann ich mit absoluter Sicherheit sagen, dass bzgl. dieser Abimottos (die übrigens nur als Spaß erwähnt wurden und bei der Wahl nicht mal mehr zur Debatte standen!) mit Sicherheit nicht die “ganze Jahrgangsstufe geschwiegen oder sogar unterstützt hat”, wie das hier dargestellt wird.
    Freundliche Grüße von jemandem, der solche Sprüche auch nicht mag und trotzdem für neutrale Berichterstattung und reflektierte Userbeiträge ist.

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