Dresdner gegen Pinguine. Oder: Satire läuft.

Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, Instagram und andere Dienste bieten die Möglichkeit mit vergleichsweise geringem zeitlichen und vor allem finanziellen Aufwand eine große Anzahl von Menschen zu erreichen. Das kann gerade für kleinere Initiativen mit geringen Budgets der attraktivste Weg sein, wichtige Anliegen und Positionen zu verbreiten und neue Zielgruppen anzusprechen. Für ein sinnvolles Social-Media-Campaigning müssen jedoch die oft nicht klar ersichtlichen “Spielregeln” der Onlinewelt unbedingt beachtet werden. Die meist jungen Zielgruppen, die mit Facebook und Co. erreicht werden sprechen und verhalten sich mit eigenen Codes und Stilmitteln. In den vergangenen Monaten haben wir einige Experimente gewagt. Im Folgenden werde ich die erfolgreichsten Posts unter die Lupe nehmen und versuchen, mich dem Grund für ihre weite Verbreitung und Rezeption in verschiedenen Medien und Blogs anzunähern. Eine erfolgreiche Onlinepräsenz auf Facebook muss User_innen an die Seite binden, Likes generieren, einen eigenen Charakter besitzen und, nicht zuletzt, so effektiv wie möglich Inhalte und Talking Points an ein breites Publikum vermitteln. Ohne Publikum und Öffentlichkeit ist eine Facebookseite sinnlos. Viele unterstützenswerte Initiativen schaffen es nicht mehr als einige Hundert Likes und damit Menschen zu erreichen, andere posten genau das gleiche wie alle anderen auch und können zwar eventuell eine gewisse Reichweite erzeugen, stechen aber nicht aus den Timelines der User_innen heraus.

Neben der Vermittlung von Inhalten muss daher auch die Frage nach der Generierung von neuen Gefällt-Mir-Angaben beantwortet werden. Für die Facebookpräsenz von no-nazi.net hat sich Satire als eine sehr gute Möglichkeit erwiesen, neben Inhalten auch Unterhaltung anzubieten, die von Usern dankbar angenommen wurde und die Reichweite der Seite um ein vielfaches erhöhte und erhöht. Das erfolgreichste Bild, dass no-nazi.net jemals auf Facebook geteilt hat ist die Satiregrafik “Welche Demo passt zu mir?, die die zahlreichen “Hogesa”-Ableger ironisch aufgreift. Es wurde mehr als 2800 mal geteilt, fast 2000 mal mit geliked und 1650 mal kommentiert. Es handelt sich bei der Grafik um eine Art Spiel, die User werden dazu aufgefordert, sich anhand ihres Namens und Geburtsdatums ihren eigenen Demo-Namen zu “generieren”, was zu teilweise absurden Ergebnissen führt.

10857223_801673349899006_7716321975859604859_oÄhnlich erfolgreich ist das “Beschwerdeformular”, das sich auf die zahlreichen rechtslastigen Onlinekommentare bezieht und sich über den stets gleichklingenden Ton der Onlinewutbürger lustig macht. Es wurde 1100 mal geteilt und knapp 2200 mal geliked.

Die beiden Posts verbindet ein satirischer Charakter, der aktuelle kulturelle Phänomene, die im Zusammenhang mit Netzkultur stehen aufnimmt und verarbeitet. Die User wissen was gemeint ist, worüber sich lustig gemacht wird. Jeder, der sich einmal in die Untiefen der Kommentarspalten großer Onlinezeitungen gewagt hat kennt die Floskeln aus dem “Beschwerdeformular”, kennt die dutzenden “Hogesa”-Ableger mit ihren abstrusen, ungelenken Abkürzungen. Den User_innen wird auf Augenhöhe begegnet, man gibt zu verstehen, dass man sich in der selben Welt bewegt und über die selben Dinge den Kopf schüttelt. Ein freundschaftlicher Gestus gegenüber den User_innen verleiht dem Onlineauftritt einen persönlichen Schlag, was gerade auf Facebook unabdingbar ist. Anders als in Printmedien tauchen Facebookposts in der Timeline neben Urlaubsfotos und Katzenvideos auf. Ein zu bierernster Ton fällt negativ auf, Facebook ist vor allem ein Unterhaltungsmedium und sollte auch so behandelt werden. Der vergleichsweise niedrige virale Erfolg unserer “trockenen” Statistiken unterstreicht diese Einsicht.gelinde-gesagt-1

In der Onlinekommunikation über Facebook ist es unabdingbar sich mit den oft nur wenige Tage lang anhaltenden Trends zu befassen, die in den Sozialen Netzwerken herrschen. Konstanten sind Ironie, Provokation und natürlich tagesaktuelles Geschehen. Die “Welche Demo passt zu mir”-Grafik greift ein Thema auf, dass ohnehin auf Facebook viel diskutiert wird. Die User_innen sind also bereits sensibilisiert und deshalb empfänglich für Satire, die das Thema aufgreift. Sich dann über solche bekannten Phänomene lustig zu machen bedeutet für die Online-Lebensrealität der Nutzer_innen relevante Inhalte zu vermitteln. Eine einmal erzeugte “Persönlichkeit” einer Facebookpräsenz bindet die User: Je menschlicher und sympathsicher eine Seite wirkt, desto eher ist man geneigt, ihr offen zu begegnen. Es stellt sich also folgerichtig die Frage, wie auch wichtige, ernste Informationen vermittelt werden können. Der Schlüssel scheint hier Skandalisierung zu sein. So wurden die eher schlicht und minimalistisch gehaltenen “Facts of the day” vergleichsweise selten geteilt, während beispielsweise die dramatisch gelayoutete Grafik “Fakten gegen Populisten” 636 Mal geteilt wurde.

Um sich in nachhaltig und sinnvoll in den Timelines der Facebookgemeinde einzuschreiben, muss sich einfühlsam mit dem herrschenden Online-Zeitgeist beschäftigt werden. Zu offensichtlich versuchen einen bestimmten Ton zu treffen oder das selbe zu tun, was andere erfolgreiche Seiten tun, ohne ein Gespür für die grundlegende Netzkultur entwickelt zu haben, ist oft peinlich. Letztendlich ist die beste Möglichkeit, die beste Art und Weise für die eigene Seite zu treffen jedoch eigene Ideen auszutesten und den Mut haben zu experimentieren.

Der Text wurde von Matthias verfasst, der auch die Ideen für das Beschwerdeformular und das Demo-Spiel hatte.

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